Schließlich konnte unser Experiment „Reiseradeln zu viert“ beginnen. Wir waren durch die Bank froh und erleichtert, den Weg über den Sevansee gewählt zu haben, denn er war wie versprochen wunderschön. Davon konnte auch die zeitweise mäßige Straßenbeschaffenheit nicht ablenken. Wir fuhren bei bestem Wetter und im Vergleich zu Yerevan angenehmen Temperaturen fast in einem Ritt bis zu unserem Zielort Martuni durch. Hier verloren wir leider viel Zeit. Nach ausgiebigem Lebensmitteleinkauf versuchten wir über Buckelwege den perfekten Platz am See zu finden, den es schlichtweg nicht gab. Wir erreichten eine riesige graubraun-matschige Baustelle, die womöglich in Zukunft mal so etwas wie eine Badestelle werden soll. Also zurück zur Straße und einen anderen Zugang zum See wählen. Dieser Weg war nicht zur übersäht von Kuhscheiße, sondern wurde mit jedem Meter sandiger. Vor der völligen Versandung unserer Räder eilten die Männer gen Wasser um zu schauen, ob sich der Aufwand lohnen würde. Nein, tat er nicht. Also doch wieder zurück zu dem anderen Weg, wo wir eine herrliche Wiese samt überdachtem Picknickplatz entdeckt hatten – nur eben leider nicht am See. Zunächst wollten wir uns aber noch im örtlichen Bistro ein kaltes Bier gönnen. Dieser Alkoholgenuss war verschwendetes Geld wie sich herausstellen sollte. Denn als wir an besagter Picknickstelle ankamen – mittlerweile war es bewölkt und abendliche Frische machte sich breit, sodass wir uns vom Bade-Gedanken erneut verabschieden mussten – hatte sich dort eine Horde Trunkenbolde breit gemacht, jedoch äußerst nette Trunkenbolde. Wir konnten uns gegen ihr Heranwinken nicht wehren, nahmen am Tisch Platz und wurden nicht nur in das Picknick einbezogen, sondern natürlich mit armenischem Wodka abgefüllt. 70 % Alkohol gaben uns den Rest und als wir uns schließlich ins Zelt verabschiedeten, vergaß Patrick sein geliebtes Leatherman am Tisch. Und was haben diese Kerle, die schon zuvor dieses sagenhafte Multitool bestaunten und begehrten gemacht? Natürlich unehrenhafter Weise mitgehen lassen. Bei aller Gastfreundschaft, die uns bisher zuteil wurde, war das natürlich bitter…

Am nächsten Tag mussten wir uns also ungebadet vom Sevansee verabschieden und nahmen eine vermeintlich leichte Tagesetappe in Angriff, denn insgesamt sollte es Richtung Jeghegnadsor ja viel mehr bergab als bergauf gehen. Doch man sollte nie die armenischen Berge unterschätzen. Bei sehr straffem Gegenwind kämpften wir uns auf den 2.410 m hoch gelegenen Pass hinauf und genossen oben erst einmal ausgiebig unseren Erfolg. Als wir bei der direkt unterhalb gelegenen Karawanserei eintrafen, war es bereits 14 Uhr und statt einer kurzen Besichtigungsmittagspause wurden wir kurzerhand Teil einer armenischen Geburtstagsparty. Eine riesige Familie feierte hier durch alle Generationen hinweg einen runden Geburtstag und wir sollten selbstverständlich Platz nehmen, essen und nicht zuletzt: tanzen! Als sich diese Feier auflöste und wir endlich weiter wollten, zog uns ein weiterer Mann schon fast gewaltvoll zu seinem Picknick. Dieser betrunkenen Männertruppe wollten wir jetzt wirklich nicht mehr beiwohnen und nur mit Mühe gelang es uns, den Mann davon zu überzeugen, dass wir jetzt wirklich los radeln wollten/mussten. Denn eigentlich war der Plan, nicht all zu spät beim Crossway Camping anzukommen. Seit Ewigkeiten ein richtiger Zeltplatz mit Dusche, Küche, WiFi… Aber selbst kurze Pausen àla „Ich geh nur mal eben in den Minimarkt, um dieses und jenes zu kaufen“ waren mittlerweile zu ausgiebigen Plausch-Pausen geworden, denn wir genossen allesamt sichtlich die nette Gesellschaft. Dieses entspannte Radeln hatte nur leider zur Folge, dass wir immer recht spät an den Zielorten ankamen und kaum unsere „Pflichten“ erfüllen konnten. Denn das Leben eines Reiseradlers ist nicht so entspannt wie es scheinen mag. An dieser Stelle ein kleiner Exkurs:

Was muss man denn eigentlich so machen, außer schwitzen und in die Pedale treten? Da sind z.B. die elementaren Fragen nach Wasser, Essen und Übernachtung. Wasserquellen wollen ausgespäht und genutzt werden (alles auffüllen, was auffüllbar ist), in seltensten Fällen mussten wir bis dato Wasser kaufen. Essensreserven können wir – wie man sich denken kann – nicht in unbegrenzten Mengen mit uns führen. Daher bedarf es immer guter Planung, was wir wann essen, was wie kombinierbar und haltbar ist etc. Die Einkäufe dauern dann immer recht lang, da natürlich nicht alles verfügbar ist, was man sich wünscht, vieles in Buchstaben beschriftet ist, die wir nicht lesen können, wir in dieser verrückten Dram-Währung immer lange brauchen, um zu evaluieren, was jetzt teuer ist und was nicht etc. Schließlich kommt die Zeltplatzsuche. Was auf den ersten Blick hübsch aussieht, muss nicht automatisch ein guter Zeltuntergrund sein. Saftige Wiesen können sich bei näherer Betrachtung als grobe Äcker entpuppen. Noch dazu soll es nicht nur bequem, sondern am besten schön gelegen sein. Und dann sind da die kleinen Sachen: Essenszubereitung, Reisetagebuch schreiben, Bilanzieren (wir notieren Ausgaben sowie Fahrradkilometer/-höhenmeter), die Kommunikation mit der Heimat, die sich über Lebenszeichen freut inklusive Facebook-Auftritt und Blog sowie die Fahrradpflege. Die entspannteste Zeit des Tages ist also eigentlich die, wenn wir einfach nur pedalieren.

Der Campingplatz war wunderschön, es war mittlerweile wieder heiß, der Pool war leider nicht befüllt, aber wir genossen Duschen und sogar eine Waschmaschine. Zum Abend grillten wir Gemüsespieße und ich konnte unsere neuen Freunde mit Polenta, die seit Bulgarien in der Fahrradtasche lagerte, erfreuen. Neben uns zelteten auch noch zwei lettische (Hitch-)Hiker und ziemlich überraschend kamen in der Dunkelheit noch Boris und Sergej an, zwei verrückte russische Fahrradfahrer. Uns schwappt ja schon viel Fassungslosigkeit entgegen, aber das Pensum dieser beiden war selbst für uns Anlass zum ungläubigen Kopfschütteln.

Am nächsten Morgen feierte Rosie ihren sage und schreibe 30. Geburtstag und wir durften Teil davon sein. Ich hatte tags zuvor noch heimlich Kunstblumen, Törtchen und Geburtstagskerzen organisiert und spontane Gratulanten wie die Russen und Letten auf dem Zeltplatz machten den Tagesstart für Rosie hoffentlich sehr angenehm. Wir frühstückten genüsslich und starteten angesichts der Hitze leider etwas zu spät auf die höhenmeterreiche Tagesetappe. Das Gute an der Kraxelei war natürlich, dass die Temperaturen immer angenehmer wurden. Zur Abendstunde erreichten wir schließlich nach schweißtreibendem Kampf mit dem Berg den Vorotanpass auf 2344 Metern Höhe. Wirklich schön zum Zelten war es leider nicht, weshalb wir hinunter zum Spandaryani-See fuhren. Bei Gorhayk fanden wir schließlich einen guten Zugang Richtung Stausee und kampierten mit einem atemberaubenden Panorama. Da weit und breit kein Restaurant zu finden war, in dem wir Rosies runden Geburtstag gebührend hätten zelebrieren können, kochten Klaus und ich mithilfe unserer Stirnlampen zur Feier des Tages Couscous mit Gemüseallerlei.

Auf äußerst welligen Wegen ging es schließlich nach Goris, der Stadt mit den Felspyramiden. Kurz bevor wir die Abfahrt in den Ort nahmen, begegneten wir einem deutschen Rentnerehepaar, welches mit einer Kreuzung aus Jeep und LKW jährlich auf große Reise geht. Deutsche Kennzeichen sieht man hier in der Tat nicht häufig. Wir erreichten schließlich ein Bed & Breakfast nahe der Altstadt, dessen Besitzerin uns sogleich mit Bussis empfing und leckeren Bergtee aufsetzte. Von der holländischen Dame, die hier ebenfalls ein Zimmer bezogen hatte, erfuhren wir vom Sheep Shearing Festival am nächsten Tag. Da dieses auf unserem Weg lag, beschlossen wir, auf jeden Fall hinzugehen. Doch erst einmal galt es den Geburtstags-Restaurantbesuch nachzuholen. Die Auswahl in Goris ist beschränkt und so endeten wir, wo alle Touristen enden. Neben uns nahm eine Horde Belgier Platz, die uns schon am Vortag vom Bus aus gesehen hatten. Wir waren überrascht, dass man uns so ganz in zivil und ohne Fahrrad gleich wieder erkennt. Nach dem schmackhaften Essen kamen wir mit dem Tisch hinter uns ins Gespräch, bestehend aus einem Briten und drei Amerikanern, die in Yerevan für das Rote Kreuz arbeiten. Sie waren extra anlässlich des Sheep Shearing Festivals hergekommen. Na dann muss das ja was Tolles sein! Wir gingen noch in eine Bar mit riesiger Terrasse und Blick auf die beleuchteten Felspyramiden und landeten schließlich viel zu spät im Bett. Zwar hatten wir uns für den nächsten Tag keine große Fahrradetappe vorgenommen, aber leider eben schon das Frühstück für um 8 geordert.

Klaus und ich nutzten die Zeit am Vormittag, um nochmal näher an die Felspyramiden zu gelangen – spitze Sandsteinnadeln, die im unteren Bereich meist als Höhle genutzt wurden. Gegen Mittag nahmen wir wieder den äußerst steilen Anstieg aus der Stadt heraus in Angriff. Gott sei Dank hatte uns die Truppe vom Vorabend den Veranstaltungsort des Sheep Shearing Festivals nochmal zugeschickt, der ganz anders war als der Pindrop auf Facebook. Als Fahrradfahrer in diesem Gelände ist das gar nicht mal so irrelevant. So landeten wir drei Stunden nach Beginn beim Festival und bekamen gleich von den Securitys die Versicherung, dass sie ein Auge auf unsere Fahrräder haben würden. Neben Live-Musik, Hüpfburg und zahlreichen Ständen mit regionalen Produkten gab es hier natürlich vor allem eins zu sehen: Schafe scherende Männer. Wir sahen nur das Finale, das hat uns aber auch schon gereicht. Richtig schön wurde es am Ende, als wir von einigen Ständen beschenkt wurden (getrocknete Maulbeeren, Hüttenkäse, Chips) und quasi eine After-Show-Party stattfand, wo die Verbliebenen entspannt dem Bergpanorama entgegen tanzten. Rosie überredete mich und während die Männer ihren Kebab im Sitzen verdauten, tanzten wir im Sonnenschein.

Der Stress begann danach: die Rot-Kreuz-Truppe hat sich immer wieder mit ihrem Zeltspot hin- und herentschieden, sodass unser letzter Kenntnisstand war, dass sie für uns „unerreichbar“ (sprich auf einem Berg) zelteten. Nachdem wir in einem Dorf lange von sehr interessierten Kindern und wenig später von zwei ukrainischen Reiseradlern im positiven Sinn aufgehalten wurden, war es höchste Zeit, einen Zeltplatz zu finden. Die Ukrainer meinten, dass nicht mehr viel käme, außer vielleicht bei der Seilbahnstation. Also fragte ich den Security von „Wings of Tatev“, der erst einmal seine Chefs herbeiholen musste. Man beriet sich lange und deutete schließlich auf die ungemähte Weide. Wir mussten eine ganze Weile suchen, bis wir ein gut bezeltbares Stück gefunden hatten. Gerade, als wir dabei waren, unser Gepäck von den Rädern zu laden, erhielt Patrick von den neuen „Freunden“ eine Nachricht, dass sie jetzt doch nur einen Steinwurf von uns entfernt zelteten und uns extra Wein mitgebracht hatten. Patrick war voll des schlechten Gewissens, während wir und Rosie eigentlich nur unser Zelt aufschlagen wollten und fertig. Nach langer Diskussion konnte sich Patrick damit abfinden, da zu bleiben. Der Kompromiss bestand aus gemeinsamem Frühstück mit den anderen am nächsten Tag.

Am nächsten Morgen mussten wir 8.30 Uhr das Gelände verlassen haben, rollten den Berg hinunter und zu unserer Überraschung bestanden Rosie und Patrick gar nicht mehr auf ein Frühstück mit den anderen, sodass wir frei von Verabredungen auf einer schönen Sitzgruppe mit Aussicht auf’s Tal Platz nahmen. An dieser Stelle müssen wir das gute Netz an wirklich schönen Picknickstellen in ganz Armenien loben. An landschaftlich schönen Stellen finden sich regelmäßig überdachte Sitzgelegenheiten mit Tisch, meist auch Wasserquelle und nicht selten mit Grillgelegenheit. Eine tolle Picknickkultur!

Als wir die Teufelsbrücke (Devil’s Bridge) erreichten, berieten wir kurz, ob wir jetzt schon in den Canyon zu den sogenannten „Heißen Quellen“ absteigen sollten. Gott sei Dank setzte sich Rosie durch: „I want to get this thing out of the way“. Mit „this thing“ war der 6 km lange brutal steile Anstieg über eine unbefestigte Straße nach Tatev gemeint. Wir kämpften uns zwei Stunden lang im Schweiße unseres Angesichts den steilen Schotterweg hinauf und gönnten uns bei dem einzigen Café des Dorfs, das zugleich die Touri-Info war, ein Bier. Dabei trafen wir unsere beiden Letten vom Crossway Camping wieder. Für einen schmalen Taler haben sie hier auf der Wiese ihr Zelt aufgeschlagen. Wir sehnten uns aber nach etwas mehr Komfort, wollten Wäsche waschen und vor allem viele organisatorische/bürokratische Ding erledigen. Den größten Aufwand stellte dabei die Beantragung des Letter of Invitation dar, also des Einladungsschreibens, das von einer usbekischen Reiseagentur ausgestellt wird. Klaus musste z. B. seinen Arbeitgeber für eine Bestätigung kontaktieren, dass er auch wirklich dort angestellt ist. Am meisten Zeit gefressen hat allerdings die Recherche und Kalkulation, wann wir wo was wie machen. Klingt komisch, ist aber so. Wir mussten uns nun festlegen, wann wir in den Iran einreisen und logischerweise ausreisen wollen und wann wir gemessen am kürzest möglichen Turkmenistan-Visum wohl in Usbekistan ankommen würden. Für dieses Datum galt es gleich noch ein Hotel zu reservieren. Wer sich jetzt über die Reihenfolge wundert und noch nicht davon gehört hat: das Turkmenistan Transitvisum gibt es nur bei Vorlage des Visums aus dem nächstfolgenden Land, in unserem Fall Usbekistan.

Am späten Mittag unseres Ruhetages brachen wir endlich zu viert zum „Entspannungsausflug“ in den Vorotan-Canyon an der Devil’s Bridge auf, wobei es Spannungsausflug wohl eher trifft. Nach schweißtreibender Wanderung hinab in die Schlucht freute ich mich ja eigentlich auf’s Wasser, aber dass man für den Einstieg ins feuchte Vergnügen schwindelfrei und einigermaßen kletteraffin sein musste, hatte mir keiner gesagt. An dieser Stelle tausend Dank an unsere neuen iranischen Freunde Sepideh und Ali – Reiseradler auf dem Weg nach Georgien – die mir beim Abstieg bei jedem Fußtritt und Handgriff geholfen haben. Gottverdammte Höhenangst! Außer uns sechs Reiseradlern war auch noch eine Gruppe russischer Touristen dazu gestoßen und dieser Gruppenzwang half mir wirklich jegliche Angst zu überwinden. Denn auch der restliche Trip im Canyon durch Felsen, Höhlen und Wasserströme ist nichts für zarte Gemüter. Insofern war unser Timing grandios, denn die vielen kräftigen Männerarme, die zeitgleich mit uns unten waren, konnten den Damen doch sehr hilfreich zur Hand gehen. Aber auch wer nicht das Glück hat, mit so einer abenteuerlustigen Gruppe abzusteigen, der wird von den Guides, die überall herumspringen, kompetent durchgelotst.

Nach diesem frischen Vergnügen wollten wir eigentlich nach Tatev hinauf trampen, aber es fuhr einfach kein Auto den Weg hinauf, während wir am Vortag noch von zahlreichen Autos und teilweise leeren Bussen überholt wurden. Angesichts der angebrochenen Abendstunde blieb uns aber nichts Anderes übrig, als ein Taxi zu nehmen, was preislich hierzulande aber absolut im Rahmen war. Also ging es mit einem rostigen Lada holprig und rasant zurück zum Guesthouse. Gut, dass uns Patrick, der auf dem Beifahrersitz saß, erst danach erzählte, dass er dort vorne gut den Alkoholduft des Fahrers wahrnehmen konnte.

Über eine abgelegene, nur zu sehr geringen Teilen befestigte Straße ging es am nächsten Tag gebirgig nach Kapan. Obwohl wir uns der Wettervorhersage (Regen) bewusst waren, schafften wir den geplanten zeitigen Start natürlich nicht. Am Kloster ließen wir uns noch zum Kauf leckerer Weine und Sutschuk (das armenische „Snickers“, also genau wie die georgische Tschurtschkhela) verleiten. Von einer Standverkäuferin, die gleich meine Facebook-Freundin sein wollte, bekam ich sogar noch Kräuter für den Tee und einen dieser ulkigen Fruchtlappen geschenkt. Ob das wohl im Iran aufhört mi den „Snickers“ und den Fruchtlappen? Wir fanden es jedenfalls lustig, wie jedes Land jeweils diese „typischen Spezialitäten“ für sich beanspruchte.

Am frühen Nachmittag kam es dann, wie es kommen musste: bei unserer Mittagspause holte uns der Regen ein. Es war zwar nur Nieselregen, aber der war ganz schön hartnäckig. Bis zu unserer Ankunft gegen 19 Uhr in Kapan regnete es unentwegt und trotz all unserer Funktionskleidung waren wir einfach nur noch nass und man mag es kaum glauben nach aller Hitze: durchgefroren. Dabei hatten wir uns so auf das Ekocamp in Kapan gefreut! Triefend nass und erschöpft wie wir waren hatte aber keiner mehr Lust im weiterhin unablässigen Regen das Zelt aufzubauen, sodass wir nach einem Hotel Ausschau hielten. Wir fanden das Hotel Lernagorts, das zwar ganz schön heruntergekommen, aber dafür günstig und für unsere Zwecke angemessen war. Die Bedienung im Restaurant belustigte uns mit ihrer mal tranig-genervten, dann mal wieder herzlich-witzigen Art zum Abendessen wie zum Frühstück. So skurril waren auch manch andere Begegnungen in der Stadt, wie der Opa, der für Klaus und mich auf der Straße Heinrich Heine rezitierte. Gott sei Dank hatten Klaus und ich auch Rosie und Patrick vom Ruhetag überzeugen können und im Nachhinein waren sie wohl auch sehr froh. Denn, man mag es kaum glauben, nach all den tausenden von Höhenmetern und den vielen Wochen im Sattel hatten wir allesamt von der Tour des Vortages Muskelkater. Wenn das nichts heißen will. Von all den zu organisierenden Dingen haben wir zwar nicht alles geschafft (schöne Tunika für den Iran oder neue Flip Flops? Fehlanzeige), doch war unser Tag etwas entspannter als der unserer Freunde: Rosie hatte am Vorabend ihre Kreditkarte im Automaten vergessen und verbrachte nun den halben Tag damit, sie wiederzubekommen. Am Abend begossen wir mit leckerem Himbeerwein unsere langsam zur Neige gehende Armenien-Zeit.

Es folgte eine harte Etappe auf den Meghri-Pass in 2.535 m Höhe. Zunächst quälten wir uns bei Hitze durch das Tal des Flusses Kima. Nach nur wenigen Kilometern brauchten wir die erste Pause. Der Schweiß tropfte, unsere Herzen pumpten. Mit langsam gewinnender Höhe wurde die Luft jedoch besser. Ab Kadscharan ging es dann ans Eingemachte. Endlose Kurven und Serpentinen kämpften wir uns bei aller Steilheit den Berg hinauf. Schön war die Begegnung mit zwei iranischen LKW-Fahrern, die unbedingt Selfies mit uns machen wollten (ein guter Vorgeschmack für die Aufmerksamkeit, die uns im nächsten Land erwarten würde) und uns eine Kekspackung schenkten. Schokocookies beim Erklimmen eines Gebirgspasses – es gibt kaum etwas, das man sich als Reiseradler sehnlicher wünscht (ok, Cola vielleicht). Am Abend war es schließlich so weit: wir waren oben! Sogar noch im Sonnenschein. Und auf dem Schild lachte uns doch tatsächlich der Aufkleber der Strampeltiere an, also des Radlertrios um meinen ehemaligen Paddelkursleiter Flo (alias Kochi), die 2016 gen Pamir strebten. Wir haben unseren Klantje-Sticker gleich mal darunter platziert ? Mal schauen, welche bekloppten Sachsen sich nächstes Jahr dazu gesellen. Wir schlugen unsere Zelte auf und ich konnte die Truppe mit einem zusammengepanschten Pastagericht begeistern. Zitat Patrick: „This tastes like home“. Wir leerten den letzten Granatapfelwein bevor es uns nun in Wolken eingehüllt eindeutig zu kalt wurde.

Leider wachten wir auch am Morgen im Wolkendunst auf. Arschkalt und keine Aussicht – so hatten wir uns das hier oben nicht vorgestellt. Nach einem frischen Frühstück rollten wir gerade erst los, da bemerkte Rosie einen Plattfuß. Der schwabbelige Eindruck vom Vortag hatte also nicht getäuscht. Nach dieser Zwangspause ging es gefühlt endlos hinab nach Meghri. Von da an hieß es endgültig: schwitzen, schwitzen, schwitzen. Ein letztes Bier war noch drin, ebenso das von Patrick geliebte Pork-Barbecue. Dann rollten wir Richtung Grenze. Wir waren gerade dabei, von der atemberaubenden Landschaft, die sich nun vollends in schroffe, trockene, beige-braune Berge mit saftig grünen oasenartigen Tälern gewandelt hatte, Fotoaufnahmen zu machen. Da stoppte ein russisches Auto neben uns und erteilte uns Fotografierverbot. Na wenigstens hatten wir schon ein paar Schnappschüsse mit dem Handy gemacht. Nun war es also soweit: wir verließen Armenien, um ins nun wirklich vollkommen Unbekannte überzutreten. Ins Land von Rohani, Kopftüchern, Alkoholverbot und vor allem aktuell noch Ramadan.