Wir verließen Meghri trotz schwerem Kopf von all dem Wein noch in der Dunkelheit und waren pünktlich zum atemberaubenden Sonnenaufgang auf dem gleichnamigen Pass. Kapan, von wo aus unser Hubschrauberflug mit dem sowjetischen Militärhelikopter Mi-8 starten sollte, erreichten wir wie geplant um 8 Uhr, jedoch war die Wolkendecke zu dicht zum Landen. So wurde auf Sisjan umdisponiert und als wir den Landeplatz erreichten, stand das rostige Stück auch schon bereit, inklusive armenischem Fernsehen. Anscheinend hatte ein Hubschrauberflug eines deutschen Fernsehteams hier genug Nachrichtenwert – anders herum kaum denkbar. Gerne würde ich jetzt von einem euphorischen Gefühlstaumel angesichts der einzigartigen Gelegenheit im Leben, mit solch einem Helikopter über ein so wahnsinnig schönes Land wie Armenien zu fliegen, berichten. Bei dem Rest der Truppe war das sicherlich der Fall. Doch ich muss leider eingestehen, dass die Flugangst trotz aller Beschwichtigungen („So ein Helikopter kann im Prinzip gar nicht abstürzen“ etc.) noch viel schlimmer zuschlug als sonst, und ich diesem beinahe 30 Jahre alten verrosteten Museumsstück nicht über den Weg oder besser durch die Luft traute. Zu allem Übel musste ich schon nach einer Stunde sowas von dringend auf die Toilette, dass der Flug eine einzige Qual wurde. Ich konnte dennoch die anderen in ihrer Begeisterung gut nachvollziehen, denn die Anblicke dieser beinahe mondartigen Landschaft, die sich in sämtlichen Gelb-, Braun- und Ockertönen in sanften Hügel und schroffen Bergen unter uns ausbreitete, war ohne Zweifel einmalig, gekrönt von dem Highlight des Tatev-Klosters, welches wir mehrere Male umkreisten. Dennoch war ich – seelisch wie körperlich – unheimlich erleichtert, als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

In Yerevan hatten wir schließlich Zeit zum Entspannen. Trotz Sturm und sich zusammenbrauender Wolken war der Blick von den Kaskaden auf den Ararat am Abend ungetrübt. Ins Bett ging es zeitig, da eigentlich für den nächsten Morgen um 4 ein Aufbruch nach Khor Virap geplant war, um so nah wie möglich am Ararat den Sonnenaufgang zu genießen. Als wir uns halb 4 alle im Flur der Villa Delenda versammelten, zum Teil noch im Schlafgewand, wurde rasch entschieden, dass aus dem Ausflug an jenem Morgen nichts werden sollte. Mal wieder hatte uns das armenische Wetter ein Schnippchen gespielt und niemand war motiviert, bei dem prasselnden Regen auf gut Glück die rund einstündige Ausfahrt zu unternehmen. Wenigstens waren wir so alle mal ausgeschlafen. Der Tag verflog dennoch. Wir mussten die Fahrräder wieder in Kisten verpacken und für die anstehende Aragats-Expedition umpacken. Die Männer gingen zum Barbier und Holger, Klaus, Aelita und ich hatten 17 Uhr einen Termin zur Führung durch die heiligen Noy-Hallen, einer „Brandy-Wodka-Wine-Factory“, 1788 in Yerevan gegründet, damals noch unter dem Namen Ararat. Da sich die Franzosen aber die Marke „Ararat“ unter den Nagel gerissen hatten, musste ein neuer her und da sich ja eh alles um den Ararat dreht, war der armenische Name für die Arche Noah am naheliegendsten. An der Geschichtsträchtigkeit des Hauses ändert das nichts. Unsere Lieblingsanekdote: auf der Konferenz von Jalta schenkte Stalin Churchill eine Flasche Ararat, der so begeistert war, dass er diesen von da an regelmäßig von Stalin bezog. Als Kenner merkte er jedoch sofort, als sich der Geschmack veränderte und hakte nach. Dabei kam heraus, dass der Geschäftsführer in Sibirien interniert wurde. Kurzum wurde er zurück nach Yerevan beordert, um seinem alten Job nachzugehen und Churchill war wieder zufrieden. Der Weinbrand, sowohl der 5- als auch der 10-Jährige war nicht so richtig unser Ding. Der 74 Jahre alte Portwein, dessen Flasche 2.500 Dollar kostete, schon viel eher.

Anschließend trafen wir uns zu einem schönen Abendessen im Hinterhof der Art Gallery, bei dem uns Shushan noch einmal Gesellschaft leistete. Unsere Bergführerin war mit dem offenen, wallenden, schwarzen Haar und dem hübschen Kleid kaum wiederzuerkennen. Leider war der Abend davon „getrübt“, dass man die ganze Zeit im Hinterkopf hatte, ja nun am nächsten Morgen verdammt früh aufstehen zu müssen. Dieses Mal ging alles glatt, sogar so glatt, dass wir eigentlich viel zu zeitig, noch mitten in der Dunkelheit, in Khor Virap, einer ehemaligen armenischen Hauptstadt, deren Relikte unter der Erdoberfläche liegen, ankamen. Das Warten hat sich natürlich gelohnt und wir genossen einen wunderbaren Blick auf den Ararat mit der Klosteranlage im Vordergrund. Dazu wurde ein Duduk-Spieler engagiert, der im sanften Morgenlicht für uns und natürlich die Kamera sein Können auf diesem Nationalinstrument (eine Art Flöte, jedoch sehr melancholisch im Klang) zum Besten gab. Zurück in der Villa Delenda hieß es dann fix frühstücken, zusammenpacken und los. Beim Verlassen Yerevans besuchten wir noch das Genozid-Mahnmal und -Museum, jedoch reichte es nur für einen kurzen Zwischenstopp, der diesem dramatischen Kapitel armenischer Geschichte nicht gerecht werden konnte. Jedem Besucher der Stadt würden wir einen längeren Aufenthalt im Museum und damit intensivere Beschäftigung mit der Thematik ans Herz legen. Uns stand allerdings noch eine relativ lange Anfahrt zum Basislager aller Aragats-Touristen, dem Kari-See bevor und die Touristen wären an jenem Tag sowieso zeitig vom Gelände vertrieben worden, da hoher Besuch von Frau Merkel ins Haus stand.

In rund 3.200 Metern Höhe bauten wir die Zelte auf und unternahmen einen ersten Akklimatisierungsspaziergang. Am Morgen wurde um 4 gefrühstückt und als erster Test der Südgipfel in Angriff genommen, der uns bereits auf rund 3.900 Meter führte. Dieser ging locker von der Hand oder besser vom Fuß und bereits gegen 9 Uhr waren wir zurück am Lager und ließen uns ein zweites Frühstück schmecken. Zwei Stunden später erschien der angekündigte hohe Besuch aus Yerevan: Hripsime Grigoryan, die aktuelle Tourismus-Ministerin mit Sebastian, dem deutschen Gesandten der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Armenien. Wir hatten unterdessen nicht minder interessante Gespräche mit dem französischen Reiseradler, der in der Nacht neben uns gezeltet hatte und der gerade von einem kurzen Wanderausflug zurückkehrte. Der verrückte Hund war mit enormem Schmalspurgepäck unterwegs, unheimlich sympathisch und äußerst dankbar für jedes Stück Obst und Brot, das wir ihm in die Hand drückten. Wir hoffen, seine weitere Reise, die unbestimmte Zeit andauern sollte, ist glücklich verlaufen. Am Abend hatten wir eine weitere tolle Begegnung: Daniel aus Bayern mit seiner estnischen Freundin kehrten gerade kaputt von der Nordgipfel-Besteigung zurück, als wir mit dem Abendessen fertig waren. Wie immer hatte es unser Verpflegungsteam äußerst gut mit uns gemeint, sodass wir noch reichlich Nudeln und Kartoffelbrei übrig hatten. Die beiden freuten sich wie Bolle, nach dem anstrengenden Abstieg so ein Geschenk zu bekommen und bei der Gelegenheit konnten wir uns ausgiebig austauschen – über den Nordgipfel, über vergangene und anstehende Reisen.

Leider habe ich (Antje) in der Nacht äußerst schlecht geschlafen und war schon beim Start halb 4 überhaupt nicht so fit wie am Vortag. Bis zum ersten Sattel schleppte ich mich wie ein betrunkener, schlafwandelnder Zombie die ersten zwei Stunden durch die Dunkelheit. Windgeschützt hinter einer Steinmauer fiel ich förmlich in mich zusammen und verfiel ständig in Sekundenschlaf. Die Anweisungen aus der Regie àla „Lauft mal hier und da lang“ habe ich schlichtweg ignoriert. Extra Schritte? Heute nicht möglich. Es ging katastrophal weiter: vereiste Schneefeldquerung. Während alle souverän drüber stapften als wäre Rutschen keine Option habe ich mir eingemacht und musste quasi nochmal extra von unserem Guide Nver „abgeholt“ werden. Ich bin ja mal gespannt, ob es diese Peinlichkeiten in die Sendung schaffen 😉 Leider stellte sich auch danach niemals das Genusswandern ein. Steile Schotterscheiße, bergab wie bergauf. Die Gipfelfreude hielt sich zumindest bei mir angesichts des nicht minder anstrengend werdenden Rückweges ziemlich in Grenzen und es wurde wie befürchtet: lang und zäh. Nach dem steilen Abstieg in den Krater wollte erneut der Sattel bestiegen werden und unsere Guides entschieden sich für eine „Abkürzung“. Diese führte jedoch über derartig üble Geröllfelder, dass man die Zeitersparnis in Frage stellen darf. Noch schlimmer waren diverse Weg-Experimente, um irgendwie schneller zum Zeltlager zurückzukehren, die sich am Ende aber auch nur als steil, steinig und bröcklig herausstellten. Der Weg zog sich wie Kaugummi und nach 12 verdammt harten Stunden trafen wir komplett dehydriert, mit Kopfschmerzen, Nasenbluten, schmerzenden Gliedern und Gelenken im Lager ein, wahrscheinlich eine Ewigkeit nach allen anderen. Ich legte mich ins Zelt und schlief sofort ein. Als ich aufwachte, war es trotz der eingeworfenen Ibuprofen kaum besser und ich war nervlich und körperlich total am Ende. Falls wir jemals wieder einen 4000er besteigen sollten, wird definitiv mehr Zeit für die Akklimatisierung eingeplant.

Nach dem Zeltabbau fuhren uns Nver und Aelita in der abendlichen Dunkelheit nach Gyumri – den Ort, der im Dezember 1988 von einem schlimmen Erdbeben heimgesucht wurde, bei dem ca. 25.000 Menschen ihr Leben verloren. Armenien profitierte vom Fall des Eisernen Vorhangs und konnte auf die Hilfe westeuropäischer Hilfsorganisationen setzen. So baute bspw. das Deutsche Rote Kreuz ein Krankenhaus, dessen poliklinischer Teil heute noch in Betrieb ist. Der stationäre Teil, der (glücklicherweise) nicht mehr benötigt wird, wurde zum Berlin Art Hotel umfunktioniert. Als wir des Nächtens eintrafen, wirkten die Räumlichkeiten auf uns entsprechend kühl, doch je länger wir uns mit dem Interieur beschäftigten, umso mehr lernten wir es zu schätzen. Die Betten waren göttlich und jedes Zimmer war künstlerisch in einem individuellen Stil gestaltet. Ebenso war der gesamte Flur mit Gemälden bestückt. Zum Wohlfühlfaktor trug aber am meisten das liebenswerte, bemühte Personal bei. Die Wäsche wurde ruckzuck über Nacht gewaschen, Essen und Getränke waren vorzüglich und als wir am nächsten Tag um die Kühlung der Sektflasche anlässlich unseres zweiten Hochzeitstages fragten, war man nicht nur kooperativ, sondern auch freudestrahlend über unser Jubiläum.

Den Tag selbst verbrachten wir auf ungewöhnliche Art und Weise. Während Thorsten, Götz und Jonny mit Alex, dem Gründer und Betreiber des Berlin Art Hotels in Gyumri unterwegs waren, genossen wir restlichen Biwakianer ein außerordentliches Privileg: mit einem speziellen Permit durften wir ganz nah an die Schlucht beim UNESCO-Weltkulturerbe Ani heran, einer alten armenischen Hauptstadt, die mittlerweile auf türkischem Territorium liegt. Begleitet wurden wir dabei von zunächst Respekt einflößenden Soldaten, die sich jedoch als ganz reizend entpuppten. Ein junger, kurz geschorener Soldat sammelte sogar ganz romantisch Thymian für uns.

Ani wird die Stadt der tausend und einen Kirche genannt, was beim Blick mit dem Feldstecher (den uns natürlich einer der freundlichen Soldaten auslieh) sehr einleuchtend schien. Die zweistöckige Brücke, über die einst die Karawanen den Fluss Achurjan überquerten, ist nur noch eine Ruine wie auch viele der Kirchen, die von den Türken leider nicht restauriert werden. Das Gebiet war stets ein Zankapfel zwischen russischem und osmanischem Reich. Als sich Armenien 1918 unabhängig erklärte, gehörte Ani noch zu Armenien, doch mit den neuen Grenzen, die 1921 zwischen der Sowjetunion und der Türkei gezogen wurden, fiel die Stadt an die Türkei und ist damit eine der vielen schmerzhaften Stecknadeln in der armenischen Identität. Zurück von der „vergessenen Stadt“ wie Aelita sie nannte, gab es im Garten des Hotels Fassbier und wir nutzten die Zeit für einen Stadtrundgang mit Aelita. Zum Abschlussabendessen ging es in ein Fischrestaurant, dessen schönen Außenbereich wir durch ein herunterkühlendes Gewitter leider nur durch die Glasscheiben genießen konnten. Mitten in einem abgeranzten Vorort Gyumris direkt neben einer hässlichen Kaserne lag hier ein großes Gourmetrestaurant mit einer liebevollen Anlage aus Teichen, Brücken… Von Aelita und Nver gab es noch Abschiedsgeschenke und uns blieb nur große Dankbarkeit für die aufopferungsvolle Hilfe und Leidenschaft, mit der sie uns durch ihr Land geführt haben. Wir beschlossen den Abend gebührend mit einem Tropfen Ararat Cognac und fielen ein letztes Mal in unsere armenischen Betten…

Bewegtbilder, Sendetermine und weitere Informationen zur Expedition gibt es auf der MDR Biwak-Seite.