Serbien verließen wir über bergige und holprige Pfade am Grenzübergang Bregovo. Es gab keinerlei Probleme wegen etwaiger Nicht-Registrierung bei der serbischen Polizei, sodass wir ohne Bußgeld in das uns bekannte Bulgarien einreisen konnten. Obwohl wir von diesem großen Land natürlich nur ein paar Gegenden, vornehmlich die Gebirge vom Wandern her, kennen, machten schon die ersten Häuser einen vertrauten Eindruck. Die Sonne brutzelte unermüdlich danieder, als wir uns mal wieder an einer 100 km-Etappe abmühten. Mit dem schlechten Wetter haben wir aber leider auch den Rückenwind in Serbien gelassen, sodass das hügelige Gelände gleich doppelt anstrengte.

Unglücklicherweise hatten es auch erneut aggressive Hunde auf uns abgesehen, wobei die Taktik des Anbrüllens und so schnell wie möglich Weiterfahrens tatsächlich ganz gut funktioniert. Da die Tiere meistens glauben, irgendein Territorium verteidigen zu müssen, ist an den Grenzen eben jenes meist auch Schluss. Das Pfefferspray blieb also erst mal – wie die Reiseapotheke und das Fahrradreparaturset – bisher zum Glück ungenutzter Ballast. Es gibt Dinge, die man wirklich gerne ungebraucht wieder mit nach Hause bringen würde.

Außerdem fiel die große Konzentration an Roma in den Dörfern Nordbulgariens auf. Klar, warum sollte es hier auch anders sein als in Südrumänien, vor dem uns damals unser Professor aus Bukarest, den wir im Apuseni-Gebirge kennenlernten, gewarnt hat. Wir versuchten trotz der Panikmache von damals, vorurteilsfrei durch die Dörfer zu fahren, wussten aber bei den Blicken manchmal nicht, woran wir sind. Die Kinder und Frauen lächelten jedenfalls mehr und winkten uns häufig zu, während die Männergruppen uns ziemlich skeptisch beäugten.

Die schönste Stelle am Donauufer, an die uns die Straße führte, kam leider viel zu zeitig, sodass Zelt aufschlagen noch keine Option war. Und man kann sich denken, dass je näher wir unserem Ziel kamen, die Zeltmöglichkeiten natürlich immer bescheidener wurden, sodass wir in Lom doch eine feste Unterkunft suchten. Das Hotel Transimpex, welches von außen schon räudig aussah, verlangte 40 Leva für die einfachste Zimmerkategorie, das Hotel Dunav nebenan 45 Leva. Hier durfte ich mir die Zimmer anschauen und musste dabei fast einen Brechreiz unterdrücken. Selten hat man ein so heruntergewirtschaftetes Gebäude gesehen. Es stank nach Rauch, die Wände waren feucht, der Teppich befleckt, die Möbel geschätzt 40 Jahre alt. Im nächsten Hotel vergaben sie gleich gar keine Zimmer, aber hier erhielten wir Gott sei Dank den Tipp des Hotels „Moskwa“, welches uns zwar für 50 Leva, aber dafür sauber und gut riechend empfing. Da es nach der Dusche schon spät war, gingen wir nur noch zum Mini-Markt für ein Abendbrot-Eis und eine große Cola. Ja, mittlerweile hatten wir die Temperaturen erreicht, wo man sich 24 Stunden am Tag nach einer kühlen, prickelnden Cola sehnt.

Am nächsten Morgen stand doch tatsächlich mein Geburtstag an, sodass wir das Hotelfrühstück in Anspruch nahmen, auch wenn es extra kostete. Aber die Flasche Sekt, die wir uns organisierten, wollten wir aus ordentlichen Gläsern trinken und auch ein bisschen diesen Feiertag zelebrieren. Das Käse-Omelette war vorzüglich, sodass wir gut gestärkt den bescheidenen Anstieg aus Lom hinaus meisterten – eine kilometerlange steile Kopfsteinpflasterstraße. Im wenig attraktiven Kozluduj legten wir eine Mittagspause ein, gekrönt von einem Erdbeer Crisp! Unser Lieblings-Lidl-Eis, was es in Deutschland aus unerfindlichen Gründen seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gibt. So ging es weiter gen Oryahovo, vorbei an einem hässlichen Atomkraftwerk, was man spätestens anhand der Straßenschildern „No photos“ bemerkt. Vor einem der vielen sozialistischen Denkmäler, die hierzulande die Plätze schmücken, trafen wir eine Englischlehrerin mit ihren Schülern, die allerdings alle zu schüchtern waren, live mit uns zu üben. Die gute Frau empfahl uns ein Motel ein paar Kilometer weiter, 50 Leva pro Nacht. Hm, da konnten wir auch gleich in einem der Hotels in Oryahovo absteigen. Aber unverhofft wand sich die Straße wieder dem Donauufer zu und wir sahen ähnlich einladende Badestellen wie tags zuvor, als wir aber noch nicht anhalten wollten. Zum Baden war es freilich zu kalt, aber um mal mit den Füßen ins Wasser zu gehen und Katzenwäsche zu machen, reichte es allemal. Hier suchten wir uns ein lauschiges Plätzchen, entspannten, kochten und tranken den letzten Rest serbischen Rotwein. Mit funktionierender EU-Flatrate konnten mal wieder Telefonate mit der Heimat geführt werden, sodass wir sogar live bestätigt bekamen, wie glücklich wir uns mit diesem Traumwetter schätzen konnten.

Am nächsten Tag erkämpften wir uns zunächst die steilen Straßen von Oryahovo (hier hätte man übrigens auch die Fähre nach Rumänien nehmen können), als uns ein Mütterchen vor der Schlaglochpiste warnte, die uns auf dem Weg nach Nikopol warnte – natürlich auf Bulgarisch. Es klang in etwa so „dubkidupkidub“. Naja, so richtig eine Alternative hatten wir jetzt aber auch nicht, also Augen zu und durch. Das Anstrengende an der Strecke war aber weniger die Beschaffenheit als vielmehr die langen Anstiege, die uns den Schweiß in die Augen trieben. Landschaftlich wurde es von nun an aber immer schöner, sodass wir frohen Mutes im doch nicht ganz so hübschen Nikopol einrollten. Die Berichte, die wir lasen, bestätigten sich leider: bis Ruse ist der bulgarische Donauradweg leider mit keinen sehenswerten Städten gesegnet. So gab es hier natürlich auch keine Unterkunftsauswahl und wir bezogen das einzige Hotel: „Hotel Gold“, wo jeder einzelne Gast zählt. Der Hotelbesitzer half uns beim Taschen tragen und war allgemein sehr zuvorkommend. Nach einem ganz schmackhaften Abendessen folgte aber am Morgen die Enttäuschung. Das inbegriffene Frühstück bestand einfach nur aus zwei Scheiben Weißbrot pro Nase mit Wurst und Käse sowie einer Orange. Dass sowas bei unserem Energieverbrauch nicht lange satt macht, dürfte wohl halbwegs klar sein.

Im Normalfäll hätten wir die knapp 60 km nach Svishtov in einem Ritt durchziehen können, aber da uns schon nach der Hälfte der Strecke der Magen knurrte, nahmen wir die Gelegenheit wahr, in Belene zu rasten. Karten und Broschüren können wirklich manchmal trügerisch sein. Als Zentrum eines kleinen Nationalparks, umgeben von alten römischen Relikten und schönen Kirchen und Klöstern erwarteten wir ein wunderbares Kleinod an der Donau. Was wir fanden war ein Städtchen, das seine besten Zeiten eindeutig hinter sich hat, dessen breit angelegte Wege weitaus weniger Menschen zum Flanieren einladen als ursprünglich angedacht und dessen Straßenkatzen und -hunde sich sogar zu Tode langweilten. Euro Velo-Schilder waren schon längst nicht mehr zu sehen und so versuchten wir unserer recht groben Karte zu folgen und verfranzten uns dabei inmitten der hässlichen Wohnblöcke. Das alte Mütterchen, das in unserer Verwirrung auf uns einredete, rief einen Jungen, der halbwegs Englisch konnte herbei, der so überfordert war, dass er sogleich einen weiteren Freund hinzurief. Obwohl Svishtov nur 20 km entfernt war, waren alle drei mit der Orientierung dermaßen überfordert, dass sie uns nicht richtig sagen konnten, wie wir jetzt zu fahren hätten geschweige denn, wo wir überhaupt sind. Während die Jungen fieberhaft nachdachten, wie sie wohl sonst von ihren Eltern per Auto kutschiert werden, brabbelte die verwirrte Oma die ganze Zeit irgendwelches Zeug und nervte alle Anwesenden sichtbar. Als die Jungs uns auch nur so schicken wollten, wie wir gekommen waren (also wieder zur Hauptstraße), sahen wir zu, dass wir von diesem Irrenhaus wegkamen und folgten unserem Orientierungsgefühl. Im Handumdrehen waren wir auf dem richtigen Weg und passierten das ehemalige Atomkraftwerk. Nach längerem Stillstand soll dieses angeblich irgendwann zu einem Gaskraftwerk umgebaut werden. Das einzige, was wir sahen, waren jedoch Wachhunde, Fotoverbotsschilder und Wachmänner, die aufpassten, dass wir auch ja schleunigst daran vorbeifuhren. Weiter führte der Weg über unsägliche Platten, die unseren Rädern alle paar Meter einen Stoß verpassten, vorbei an einer weiteren ehemaligen Fabrik. Was hier jemals passierte, war nicht ersichtlich. Auf jeden Fall hingen auch vor diesen riesigen Hallen Fotoverbotsschilder. Eine einsame, verrostete Bushaltestelle erinnerte an die vermutlich tausenden Angestellten, die hier täglich her kutschiert wurden.

Irgendwann erreichten wir die Straße nach Svishtov und folgten den Schildern zum Hotel Pri Popa, welches für uns perfekt am Weg lag. Wir genossen leckeres Essen und da unser Zimmer nicht nur mit netten Upgrades wie Föhn oder Wasserkocher, sondern auch mit deutschem Fernsehen ausgestattet war, sogar noch feinste Samstagabend-Unterhaltung. Dem Halbfinale von DSDS folgte der Box-Fight des Jahres. Aller Spannung nicht genug rumpelte es in dieser Nacht gleich mehrfach richtig heftig und wir waren sehr froh, nicht im Zelt schlafen zu müssen.

Bis zum Morgen regnete es, aber als wir zu unserem üblichen zwei-Scheiben-Weißbrot-Frühstück antraten, ließ sich schon wieder die Sonne blicken. Gute Voraussetzungen für unsere hügelige Sonntagstour. Die Luft hatte sich spürbar abgekühlt, aber es war viel angenehmer zu radeln als in der Schwüle des Vortages. Jetzt verließen wir endgültig den Donauradweg, waren aber überrascht von teilweise sehr guter Straßenbeschaffenheit sowie absolut moderatem Verkehr. Aber gut, die gerade einmal sieben Millionen Einwohner Bulgariens können sich hier auch ganz gut auf den Straßen verteilen. Die Überholmanöver waren äußerst großzügig, nur der Wind, der hatte sich leider gegen uns gestellt. Nichtsdestotrotz trudelten wir gegen 17 Uhr und bei Überschreitung der 2000 km-Marke im Dorf Voditsa ein. Hier liegt der „St. James Park“ – ein Grundstück, dass sich Mutter Kathy und Tochter Elly im Jahr 2006 kauften. Ein altes Haus mit viel Garten wird seither von ihnen und regelmäßigen Volunteers bewirtschaftet. Und obwohl sie es über Warm Showers nicht mehr anpriesen, hatten wir es via camping.info gefunden. Wir durften hier allerdings nicht nur zelten, sondern auch am schönen Landleben teilnehmen. Elly bewirtete uns mit Kaffee, Tee und Kuchen, ihre Mutter stieß hinzu und wir babelten eine Weile. Die beiden luden uns schließlich zum Abendessen ein, da sie für ihre zwei Freiwilligen sowieso eine größere Menge kochten. Wir sagten gerne zu, und so saßen wir dann noch mit Johannes aus Wien und Quinn aus den USA zusammen bei Salat, Bohneneintopf und hervorragendem hausgebackenem Brot.

Der Maifeiertag begann mit dickem Hochnebel, sodass wir dieses verträumte Kleinod mit seinen sieben Katzen leider nicht mehr so fotografieren konnten, wie wir eigentlich gewollt hätten. In unserer Aufbruchseile, da wir uns spontan doch eine Mammut-Tour vorgenommen hatten, vergaßen wir dann noch ein Geschirrtuch und einen Tupperdosendeckel (sprich: unser Teller! ☹) in dem hübschen Garten. Aber es sollten an jenem Tag eben noch 116 km mit fast 1000 Höhenmetern werden. Wir waren aber ganz froh, dass wir uns gegen Veliki Preslav als Etappenziel entschieden hatten. Der Warm Showers Host, den es hier gegeben hätte, hatte auf unsere Nachricht nicht reagiert und beim Durchrollen machte die Stadt mit ihren Plattenbaracken keinen einladenden Eindruck.

Cherni Vrah hieß hingegen unser Ziel mit einem Komplex im gewohnt geschmackvollen bulgarischen Stil und mit einem unschlagbaren Angebot von 16 € inklusive Frühstück. 3,5 km von der Hauptstraße entfernt quälten wir uns nochmal ordentlich bergauf (was beim Namen „vrah“ ja nicht anders zu erwarten war), was zwar ermüdend war mit über 100 km in den Beinen, jedoch war das einzig wahrlich Schlimme natürlich erneut was? Ja, Hunde-Attacke! Einer fängt an zu kläffen, ein Zweiter stimmt ein, ein Dritter wittert: da rollt etwas langsam an „unserem“ Revier vorbei und auf einmal blasen alle zum Angriff. Wir klebten langsam am Berg, schauten zum Gehöft hinauf und sahen, dass dieses herunterhastende Rudel keineswegs von einem Zaun gestoppt werden würde, den gab es schlicht weg nicht. SCHEISSE! Bei all unserer Kurzatmigkeit mussten wir jetzt noch diese Viecher zusammen schreien und Gott sei’s gedankt, die Rufe halfen wieder einmal und mit ein paar kräftigen Tritten in die Pedale waren wir wieder in Sicherheit. Wobei, so richtig trauten wir dem Braten natürlich auch auf der Zielgeraden nicht – zu viele Hunde säumten noch unseren Weg. Doch die einsamen Wölfe, die verstoßen und unterwürfig auf den Straßen trotten, stellten bisher wirklich nie eine Gefahr dar. An einem verdutzten Mütterchen am Gehstock, die hier in ihrem Dorf wahrscheinlich noch nie so seltsame Gestalten wir uns hat herumrollern sehen, ging es die letzten Meter nochmal bergab ins Paradies. Wer einmal auf dem Weg ans Schwarze Meer sein sollte, muss unbedingt einen Abstecher in den „Komplex Cherni Vrah“ einplanen. Wir waren in den Ort verliebt und kurz am Überlegen, ob wir doch hier den Verweiltag statt am Kara Dere-Strand einlegen sollten, verwarfen den Gedanken allerdings bei der Erinnerung an unser wunderschönes Lager am Schwarzen Meer von 2014. Hätten wir aber noch einen Reservetag mehr gehabt, hätten wir ihn definitiv hier verbracht, uns auf den Liegestühlen am leider noch nicht nutzbaren Pool die Sonne auf den Wanst scheinen lassen und wären auf den direkt in unserem Rücken befindlichen Gipfel gekrakselt, um eine noch imposantere Aussicht ins Umland zu genießen. Apropos genießen, die „Meschana“ versorgte uns nicht nur zum Abend mit vorzüglichem Essen, sondern auch am Morgen mit dem ersten vernünftigen Frühstück.

Wir verließen den zauberhaften Landstrich spät, es war schon fast Mittag. Sicherlich ein Fehler angesichts des Windes, der uns von nun an entgegen blies und uns bei sich zu Ackerland wandelnder Umgebung als große Schweinehund-Bewährungsprobe erwies. Wir waren angeödet, genervt und stritten uns ein ums andere Mal, wer nun die Führungsarbeit macht, ob ich denn Klaus‘ Tempo folgen könnte etc. Das bzw. mein größtes Problem beim Windschattenfahren war aber die bescheidene Straßenqualität. Ich möchte einfach die Schlaglöcher, Krater und Asphaltbuckel sehen, die da kommen und kaum hat man zu viel Abstand gelassen zischt Klaus im Sausewind davon. Dazu kamen unattraktive Ortschaften am Wegesrand, die schöne Pausen unmöglich machten. In Dolni Chiflik wollten wir eigentlich nur Geld abheben und bereits für den Strandaufenthalt einkaufen, als uns ein älterer Mann ansprach, ob wir aus Deutschland kämen. Seine zweite Frage war „Leipzig? Dresden?“ und wir konnten sogleich bejahen. Er freute sich, erzählte, dass er Reiseleiter wäre und immerzu deutsche, polnische und slowakische Gruppen geführt hätte (er hat auch eine Internetseite). Dazu noch diverse längere Aufenthalte (z.B. zwei Jahre in Riesa) und Verwandtschaft in Deutschland. Er wollte sich gerne weiter mit uns unterhalten und schlug einen Kaffee quer über die Straße vor. Wir folgten dem mit Gehstock bewaffneten Mann und plauschten in Ruhe, auch wenn hier und da Verständnisprobleme auftraten. Aber die kann man immer irgendwie lösen. Für großes Amüsement sorgten wir mit unserem Zeigewörterbuch (danke Henry und Bianca!). Schließlich wollte er uns unbedingt noch Eier schenken, also folgten wir ihm nach Hause. Seiner Meinung nach war der Weg nach Kara Dere noch viel zu weit, sodass er uns anbot, bei ihm zu duschen und zu schlafen. Doch wir waren glücklich mit den Eiern und wollten gerne den Strand erreichen. Das nette Mädchen aus dem Spielcasino nebenan, die auch überraschend gut Deutsch konnte, schenkte uns noch jeweils einen Becher Cola, der bei unserem immerwährenden Durst in der Sonnenglut ein weiteres großartiges Geschenk war.

Doch nun mussten wir uns wirklich sputen. In Staro Oryahovo wollten wir endlich einkaufen gehen und bis Kara Dere waren es noch einige Kilometer. Mit noch schwereren Rädern als sonst rollten wir eine Asphaltstraße steil bergauf, um schließlich an einem grässlichen, zu dieser Jahreszeit absolut toten Touristenort (Schkorpilovtsi) zu landen. Laut Bikemap ging es von hier wieder hoch Richtung Wald. Und auf einmal endete der Asphalt in einem versperrten Gelände und es blieb nur noch ein Forstweg, auf dem gerade eine Zigeunerkutsche entgegen kam. Nach Kara Dere ginge es immer diesen Weg entlang, sagten sie. Tatsächlich befand sich an der nächsten Weggabelung ein Schild, das linkerhand „Kara Dere“ auswies. Was nun folgte, war eigentlich die härteste Bewährungsprobe für unsere Räder auf der ganzen Tour und wir können nur sagen: Danke, Meißner Raeder, für diese tollen, auf Asphalt Rennrad-gleich rollenden Schmuckstücke, die aber auch den holprigsten und steilsten Pfad stabil überstehen! Teilweise ließ es sich passabel fahren, dann kamen wieder grobe Furchen von zu viel Regen und zu vielen Kutschen, grobe Steine, tiefes Laub sowie zahlreiche steile Anstiege und Abfahrten. Speziell bei den Abfahrten bin ich auf Schieben umgestiegen, doch jedes Mal, wenn man zu langsam war, sammelte sich eine nervige Horde Fliegen um den Kopf. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten wir die ersten aus Holz selbst gebauten Pavillone des im Sommer von zahlreichen Hippies bevölkerten Strandes. Jetzt war er wie ausgestorben und die von uns gesuchte Stelle noch kilometerweit entfernt. Hier wurden wir damals von einer russischen Familie in der knallenden Mittagssonne zum Rotwein eingeladen. Für unser Robinson Crusoe-Lager von damals folgten wir dem Feld-/Wiesenweg entlang des Strandes, erneut viel hoch und runter, tiefe Furchen und Pfützen… Als wir irgendwann erkannten, dass es den Verschlag aus Holz und Schilf von damals nicht mehr gab, suchten wir uns ein anderes wunderschönes Lager. Mit viel Liebe basteln sich die Aussteiger hier für einen Sommer traumhafte Muschel-, Zapfen- und Tau-geschmückte Gestelle. Wir fanden so eines und bauten im letzten Tageslicht unser Zelt auf. Es wurde rasch kühl und nie hätten wir uns träumen lassen, dass wir mehr als den Fuß in das noch kalte Schwarze Meer stecken würden.

Doch am nächsten Tag lockte schon früh die Sonne aus dem Zelt und es wurde so sommerlich warm, dass uns schon bald der Schweiß ins Gesicht stand. Nach einem Strandspaziergang zu unserem Lager von einst und der hübschen Klippe, wo damals unser Mitsubishi stand, war es schließlich soweit: ab ins kühle Nass! Und ganz wie im Sommer ging das den ganzen Tag so weiter. Gechillt, geschwitzt, rein ins Wasser. Natürlich ohne Schwimmeinheiten, sondern unter einem kurzen Aufschrei einmal kurz den gesamten Körper eintauchen und wieder raus. So erfrischt konnten wir uns unseren „Aufgaben“ jeweils kurze Zeit widmen: Reisetagebuch schreiben, Georgien-Reiseführer wälzen, Bilder übertragen, Musik hören und vor allem essen! Endlich haben wir uns die überfällige Geburtstagstorte gegönnt. Die ganzen E-Stoffe ließen wir uns hervorragend munden und begannen in den Nachmittagsstunden die Leerung der Rotweinflasche. Alles, was wir nicht aufbrauchten, hätten wir schließlich am nächsten Tag vom Strand weg transportieren müssen.

Und der Weg zurück in die Zivilisation war nicht einfach. Von unserer Zeltstelle ging nur ein brutal steiler Weg hoch auf einen Acker, von dem aus gleich gar kein Pfad mehr zu sehen war. Wir entschieden uns, wieder ein ganzes Stück am Strand entlang zurückzufahren bis zu einer Wegkreuzung, wo es einen erkennbaren Feldweg gab. Dabei überfuhren wir um Haaresbreite eine Schildkröte, die gut getarnt genau in der Fahrrinne hockte. Während wir langsam und umsichtig genug unterwegs sind, stellen wir das bei den beiden Jeeps, die danach den Weg lang fetzten mal ganz stark in Frage. Hoffentlich hat sie sich noch retten können… Für uns hieß es derweil stramm bergauf radeln auf einem staubigen Pfad, der uns entlang zahlreicher Weinfelder führte, leider natürlich noch ohne Früchte. Wir erinnern uns noch gut, wie süß und lecker die Träubchen damals im September waren. Nach einer Stunde staubigen Schwitzens erreichten wir die Hauptstraße. Wie es sich für eine ordentliche Küstenstraße gehört, führte diese uns schon bald in ein „kleines“ Gebirge. So sehr wir uns im Normalfall freuen, keine monotonen, flachen Strecken fahren zu müssen, so genervt waren wir dann aber doch von diesem konstanten Anstieg. Beinahe 900 Höhenmeter fast ohne Abschnitte zum Ausruhen gehen einem dann schon mal auf den Kranz, zumal wir nicht richtig darauf eingestellt waren. Natürlich deuten kringelige Straßen durch grünes Gebiet auf Landkarten meistens auf ein anspruchsvolles Höhenprofil hin. Aber das war schon viel Bergauf in kurzer Zeit. Noch steiler ging es auf der anderen Seite wieder herunter. Wir erhaschten kurze Blicke auf Nessebar und damit war es das auch schon an schöner Strecke für den heutigen Tag. Was nun folgte war das, was uns eigentlich von unserer damaligen Autofahrt im Gedächtnis geblieben war: eine zweispurige, Autobahn-gleiche Fahrbahn mit viel Verkehr, Dreck und Abgasen, entlang grauenhafter Bettenburgen. Tausende von Urlaubern sollen hier in der Hochsaison Platz finden, dazwischen noch hässliche Freizeit-/Spiel-/Rutschen-/Dinosaurierparks, damit auch ja niemandem langweilig wird. Der Verkehr veranlasste uns dazu, nach einer Mittagspause mit fettreicher Kost in einem Bistro, eine Nebenstrecke aufzusuchen. Doch von Entspannung keine Spur. Mit immer noch viel Verkehr rollten wir auf Burgas zu und landeten erneut auf der Schnellstraße. Das geht doch gar nicht? Geht ja wohl! Denn die einzige Zufahrt aus Norden führt über diese eine einzige Brücke – kein Fuß-, kein Radweg, kein Standstreifen. Also rein ins Getümmel. Und wir müssen selbst an diesem verkehrstechnisch abscheulichen Tag die Bulgaren loben: wir mussten kein einziges Mal um unser Leben bangen. Bald schon begann sogar ein Fahrradweg in der Stadt.

Das Gegurke durch größere Städte braucht immer viel Zeit. Immer wieder muss man sich neu orientieren im Getümmel und dabei niemanden umnieten, keine Löcher und Kanten übersehen usw. Als wir vor der Adresse des günstigen Apartments standen, das wir über booking.com fanden, trauten wir unseren Augen kaum. Hier soll noch jemand wohnen? Wir waren ja schon skeptisch, weil die Person auf keine Nachricht antwortete. Und natürlich ging auch am Telefon niemand ran. Kurzerhand haben wir uns nach einer neuen Übernachtungsmöglichkeit umgeschaut und sind auf das hübsche Hotel Chiplakoff gestoßen. Ein altes Haus im Jugendstil mit günstigen Zimmern und nah am Hafen – perfekt! Da wir am nächsten Tag erst gegen 17 Uhr an der Fähre sein wollten und bis 14 Uhr Zeit zum Auschecken hatten, vertagten wir den Stadtbummel und lümmelten nur noch gemütlich auf unserem Zimmer.

Burgas fühlte sich verglichen mit unserem restlichen Bulgarien-Aufenthalt wie Großstadt an. Auf einmal konnte man sich überall auf Englisch verständlich machen, Eis-Stände gab es alle paar Meter, Geschäfte und Gastronomie reihten sich in einem fort. Nach einem kurzen Spaziergang zum Hafen, wo uns schon unser Schiff entgegen lächelte, flanierten wir quer durch’s Zentrum, einmal zur Seebrücke und wieder zurück. Da wir uns nicht sicher waren, wie der weitere Tag laufen würde, hielten wir es für eine gute Idee, uns im hochgelobten Hotelrestaurant nochmal den Bauch vollzuschlagen. Es war zwar sehr lecker, aber wie sich herausstellen sollte, ebenso unnötig wie unsere Panik-Obst-und-Gemüse-Einkäufe. In einem alten Radreisebericht hatten wir mal gelesen, dass Frühstück, Mittag- und Abendessen auf der Fähre recht monoton ausfallen: nämlich Fleisch mit Wurst. Aber zunächst zum Organisatorischen. Von Port Bulgaria West erhielten wir die Antwort, dass 17 bis 19 Uhr gut wäre, um an Bord zu gehen, bezahlen sollten wir bar beim Kapitän. Als gute Deutsche standen wir halb 5 vor einer Schranke. Ein Mann stellte sich in den Weg. Wir: „Ferriboot ot Batumi“ (also das war jetzt Bulgarisch). Er: „Da“ und bewegte sich keinen Millimeter. Wir: „We want to go to the Ferryboat“. Er: „Da. Ticket?“. Wir: „Nie kupuvame bileti na borda“ (= Wir kaufen Tickets an Bord). Obwohl wir uns extra die wichtigen Sätze auf Bulgarisch zurechtgelegt hatten, wollte uns dieser Mann einfach nicht verstehen. Kurz bevor wir ihn einfach mit unseren schweren Rädern umrennen wollten, kamen zwei Männer aus Richtung Hafen. „Sprecht ihr Deutsch?“ – Jaaaa, einer, der uns versteht. Er war Pole und arbeitsbedingt viel auf dem Schwarzen Meer unterwegs. Wir sollten ihm ins Büro folgen, wir müssten zunächst Tickets kaufen. Aber wir sollten die doch an Bord kaufen? Nein, wir sollen mit ins Büro. Während Klaus bei den Rädern wartete und in einen netten Smalltalk mit dem Security verwickelt wurde, folgte ich ins Büro von Herrn Drajev – eben jener, mit dem ich in E-Mail-Kontakt stand. Und natürlich sollten wir das Ticket doch an Bord kaufen, nur einen anderen Hafeneingang nehmen. Dort sollten wir bei zwei Damen noch eine Boarding Card erhalten. Da dies die Abschiedsfahrt der Fähre von jener Flotte sein sollte, drückte er uns allen noch überflüssige Merchandise-Artikel in die Hände. Kulis sind ja toll, aber zwei dicke A4-große Notizbücher mit einem Schiff auf dem Cover? Naja, sagen wir so, über die Schnapsflasche, die daneben in seinem Büroschrank stand, hätten wir uns mehr gefreut. Wieder draußen meinte der Pole „Kommt mit, ich gehe auch zum Hafen“. Das war nun doch der Weg über die Schranke, auf einmal war alles kein Problem, obwohl wir nach wie vor kein Ticket hatten. Bei einer Art Imbiss für die Gestrandeten im Hafen, wo viel Fett und Alkohol über die Theke ging, lernten wir noch ein paar Mitfahrer kennen, u.a. Dudu aus Tbilisi. Wir saßen zusammen in der Sonne, erhielten vielerlei ungläubige Fragen zu unserer Reise und bequemten uns dann langsam auf’s Schiff, während die meisten Männer mit ihrer Fracht noch einiges länger im Hafen zubrachten. Allein Dudu sollte noch bis früh um 4 warten müssen, bis sein Ford Transit, den er von Deutschland nach Georgien verkauft, endlich verladen war. Wir wurden derweil super nett vom Schiffspersonal behandelt, jeder einzelne Schritt wurde uns feinsäuberlich erklärt und auch als wir keine Boarding Cards hatten, war das kein Problem. Da wir mit dem Polen wieder nicht den offiziellen Hafeneingang genommen hatten, verpassten wir nämlich die besagten zwei Damen. Aber der Mann auf dem Schiff meinte „No problem, I go to them for you. And I call the reception to say that you check in without the cards“. Ok, super. Die Rezeptionsdame gab uns gegen 470 Leva anstandslos die Zugangskarten zu unserer Kabine und ab da konnten wir uns häuslich einrichten. Entgegen der Ankündigungen der Männertruppe vorm Imbiss gab es auch ganz normal von 18 bis 19 Uhr Abendessen – und das vielfältiger und gesünder als gedacht.

Aus dem Ablegen „late in the night“ wurde nichts. Dröhnende Donnerschläge und helle Blitze ließen uns unruhig schlafen und bei jedem Erwachen ging natürlich der Blick hinaus – nicht auf’s Meer, sondern auf den Hafen. Das Bild änderte sich auch am Morgen nicht, dafür bestätigte sich aber der passable Eindruck von der Küche beim Frühstück und den weiteren Mahlzeiten. Also Mangel an Obst und Gemüse muss hier gewiss niemand leiden, diese Sorge war für die Katz. Insgesamt wurden wir mit gutem Kantinenessen versorgt, es gab immer „drei Gänge“ (auch wenn das Dessert nur aus eingetütetem Honigkuchen bestand) und zum Abendessen sogar einen Becher Wein. Aber wehe man wollte sich irgendetwas zweimal holen, da war die Frau an der Ausgabe hinterher. Mit Dudus Hilfe haben wir es trotzdem irgendwie zu vier Bechern Wein an einem Abend geschafft (und das, obwohl er uns schon zum Mittagessen mit gutem Hochprozentigen versorgt hat). Am zweiten Abend verhalfen uns wiederum die Armenier (Artak und Artur) zu einem „Nachschlag“. Also die viel angepriesene Gastfreundschaft der beiden Nationen durften wir schon jetzt in vollen Zügen genießen!

Neben den LKW-Fahrern und „Businessmen“ wie Dudu und Artak gab es außer uns noch andere auffällige Exoten, natürlich allesamt aus Deutschland. Ein Paar aus der Nähe von Aachen siedelte mit seinem Boot über, um schließlich nicht nur den Sommer, sondern wahrscheinlich auch den Lebensabend am armenischen Sevan-See zu verbringen – wohl gemerkt ist sie Armenierin, was die Dinge natürlich ungemein erleichtert. Gesehen haben sie uns zumindest schon einmal zuvor in Serbien. Wir konnten uns komischerweise nicht erinnern, von einem Bootsanhänger überholt worden zu sein. Woran wir uns aber erinnerten war die junge Mutti mit Kind und einer Tüte Äpfeln, die in Burgas an uns vorbeilief und so gar nicht bulgarisch aussah. Natürlich war sie Teil einer schwäbischen Jungfamilie, die gerade während der Elternzeit für Kind Nummer Drei mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Länder tingelt. Mit den Kleinen so eine eher langweilige Fährüberfahrt zu überstehen ist sicher nicht einfach, aber wenigstens gab es Delfine zu sehen ?

Insgesamt hatten wir zwar eher bescheidenes Wetter, aber zumindest keine Turbulenzen auf dem 43 Jahre alten Gefährt. Den Schildern zufolge schipperte es ursprünglich mal durch’s spanische Mittelmeer. Wir bedanken uns für die Ehre, auf der letzten Schwarzmeer-Fahrt dabei gewesen zu sein und für die Möglichkeit, bereits einige georgische und armenische Kontakte zu knüpfen. Öfters steckten wir mit Dudu und Kumpanen die Köpfe über Karte und Reiseführer zusammen und holten uns Tipps ein. So betreten wir einigermaßen „behütet“ das für uns vollkommene Neuland Georgien.