Erst am späten Samstagmittag schwangen wir uns auf die Räder, was Mitte Oktober natürlich nicht mehr viel Radelzeit übrig lässt. In Dresden erwartete uns dank der Baustelle an der Augustusbrücke eine kleine Odyssee, bei der wir noch eine Ausflüglerfamilie mit durch die Stadt lotsten. Während sie an der Carolabrücke auf unsere Handzeichen hin wieder den Elberadweg fanden, entschieden wir uns wegen des Getümmels für Straßen. Doch das war teilweise ähnlich aufreibend. Am Ende ist’s also „gehuppt wie gesprungen“ wie der Sachse sagt. Entscheidest du dich für den Radweg, strapazieren regelrechte „Wackelkandidaten“, Bremsklötzer uns sonstige Risikofaktoren deine Nerven. Auf der Straße sind es Autofahrer ohne Zeit, Empfinden für Mindestabstände etc. oder einfach nur hohes Verkehrsaufkommen in Kombination mit engen Straßen und Straßenbahnen. In Richtung Sächsische Schweiz wurde es aber entspannter und kurz vor Wehlen wurden wir erneut aufgrund von Wegirritationen angesprochen. Wie weit es bis Wehlen sei, wo welche Fähren fahren und schließlich großes Interesse am Fliegen mit Fahrrad. Hatten wir neuerdings „Klantje – die Radreise-Auskunft, immer zu Ihren Diensten“ auf der Stirn stehen? Uns freute es natürlich, dass wir als so kompetente Radler wahrgenommen wurden. Nach dem netten Smalltalk strampelten wir weiter, wechselten in Bad Schandau die Elbseite und fuhren die letzten 20 km bergauf nach Hinterhermsdorf zum Campingplatz „Thorwald-Blick“. Zwar hatten wir uns vorgenommen, auch in Europa hier und da das Wildcampen dem Bezahlzelten vorzuziehen. Doch als Botschafter des Nationalparkgedankens kam es für uns natürlich nicht in Frage, in dieser Gegend illegal zu zelten. Und ganz ehrlich? Man kann ihn auch mal wieder richtig genießen, den Zeltplatzkomfort mit Toiletten, Duschen, Aufenthaltsraum, Küche etc. Mit 14,50 € für zwei Personen mit Zelt liegt man hier wahrscheinlich unter dem deutschen Camping-Durchschnitt. Klar, wildzelten ist günstiger, aber angesichts dieser liebevoll gepflegten Anlage können wir nur sagen: kann man ruhig mal machen! Auch empfehlenswert, wenn man länger in der Sächsischen Schweiz bleiben und nicht sofort weiterziehen will. Der Zeltplatz liegt wandertechnisch äußerst günstig in der Hinteren Sächsischen Schweiz. Ist dort alles abgegrast, kann man mit dem Nationalparkbus, der direkt vor der Nase fährt, in die anderen Gebiete eintauchen.

Aber genug geschwärmt, für uns hieß es am nächsten Tag natürlich weiterstrampeln! Nachdem wir doch spät im Schlafsack lagen, da Klaus von einem Harzer Wohnmobilisten noch eine ausführliche Einführung in die Welt der Astronomie und Blicke durch das Teleskop erhielt, grunzten wir bis um 9. Waaaas? Wir? Langschläfer im Zelt? Der Herbst macht’s möglich! Dann will man noch so gut es geht das Zelt trocknen lassen und schwuppdiwupp ist es um 11. Den Umweg über das schöne Zeidlerbachtal ließen wir uns dennoch nicht nehmen. Gott sei Dank hatten wir gut gefrühstückt, denn unsere Lieblingsgaststätte im beschaulichen Kopec hatte gerade Betriebsferien. Weiter ging es über Krásná Lipá zur Lausche. Eigentlich wollten wir unserem Hochzeitsort, dem Hochwald, einen Besuch abstatten, allerdings befürchteten wir, dass wir den Sonnenuntergang auf dem Jedlová (Tannenberg) verpassen könnten und unser lieber Baudenwirt Torsten bei dem Sonntagstrubel eh keine Zeit für uns gehabt hätte. Denn man muss schon sagen, hier wie dort, alles war auf den Beinen. Wie die Ameisen wuselten die Leute in der Sonne und der Natur herum. Unterwegs fielen uns viele Rennradfahrer mit Startnummern sowie neon-gefärbte Streckenposten auf. Wir waren mitten in den Winterman geraten – ein Triathlon, bei dem wir in Schockstarre geraten. Kein Wunder, dass einige Kandidaten kaum schneller als wir unterwegs waren, bei dem Pensum und vor allem Geländeprofil. Auch wir mussten an diesem Tag wieder feststellen, wie sehr es Böhmen in sich hat. Bei „nur“ 50 km brachten wir es am Ende auf über 1000 Höhenmeter. Ein ordentlicher Anstieg davon war der von Waltersdorf hoch zur Lausche bzw. an den Fuß der Lausche. Wir stärkten uns in der Lužická Bouda (Lausitzer Hütte), wo wir schon des Öfteren gerne zum Nächtigen und Schlemmen einkehrten, mit Knobi-Suppe und Pivo. Nach einem netten Plausch mit einer gewohnt witzigen Zittauer Wander-Kombo (ein herrlicher Schlag von Mensch!) konnten wir die bekannte Strecke zum Jedlová beinahe entspannt rollen, hätte uns nicht ein schlammiges Offroad-Stück nochmal sämtliche Konzentration abverlangt. Der Weg auf den Berg war wie in unserer Erinnerung abgespeichert äußerst steil. 2011 waren wir ihn mit Freunden, die uns erstmalig in dieses Gebirge einführten, zum bislang einzigen Mal hinauf gewandert. Danach wollten wir mehrfach oben übernachten, doch immer war die Baude voll. Jetzt zum Sonntag sollte es uns endlich gelingen! Doch erst wollten z.T. 29 % Steigung überwunden werden. Bergauf fahren macht ja Spaß, aber wenn du das Gefühl hast, nach hinten umzukippen, ist das zu viel des Guten. Oben angekommen wurden wir herzlich und kompetent deutsch-sprachig empfangen. Da kann man sich mit seinen basalen Tschechisch-Kenntnissen manchmal abmühen wie man möchte, die Tschechen in der Grenzregion können stets besser Deutsch. Aber wir genossen es sehr, mal wieder ohne Kommunikationsprobleme unterwegs zu sein. Nur dass mir ab und an Russisch-Bröckchen über die Lippen kamen, das hörte der tschechische Koch gaaar nicht gern…

Nach einer Dusche stapften wir auf den Turm und genossen beim Sonnenuntergang fantastische Ausblicke. Niemandem sollten die 20 Kronen für den Turmbesuch zu viel sein! Am besten zum Sonnenuntergang und -aufgang hinauf. Gut, Zweiteres schaffte nur Klaus, zu bequem waren die Betten und zu lecker unser Abendmahl aus Gulasch, Palatschinken und Liwanzen, die wie ein Sog ins Traumland wirkten. Das Frühstück war basal tschechisch, aber lieber frische Rohliky mit Salami, Schinken und Käse als in Fett schwimmende Schlabberwürstchen und Spiegelei.

Der Nebel hielt sich lange, doch als wir bereit waren, den steilen Berg hinunter zu rollen, strahlte schon wieder die Sonne. Zunächst über Stock und Stein, fuhren wir bald über super Asphalt nach Chřibska (Kreibitz) und weiter über Jetřichovice (Dittersbach) und Mezní Louka an die Elbe, stets begleitet von bunten, duftenden Herbstwäldern und pittoresken Umgebindehäusern. Tendenziell ging es zwar bergab, doch immer wieder forderte uns ein steiler Stich hinaus. Wenigstens wurde uns so wieder warm, denn solche Herbstabfahrten inmitten von Felsen und Bäumen können doch ganz schön frisch werden. In Bad Schandau plünderten wir den Bäcker Schurz und während wir ein Eis genossen, kamen doch tatsächlich alte Kollegen aus der Nationalpark-Umweltbildung von einer Wanderung mit einer Schulklasse zurück. Ein schönes unverhofftes Wiedersehen. Einen Plauder-Besuch in der Nationalparkverwaltung wollte ich meinem lieben Mann jedoch nicht noch zumuten – das artet bei mir immer aus ? Der weitere Nach-Hause-Weg verlief unspektakulär auf einem viel zu überfüllten Elberadweg zurück nach Dresden. Es mag verrückt klingen, aber mitten im wärmenden Sonnenschein erinnert man sich sehnsüchtig an den Moment 14 Tage zuvor, als der Radweg vom Regen leer gespült war… Nach insgesamt 210 km war unser Spätsommer-Böhmen-Intermezzo vorbei und wir wieder einmal im Alltag angekommen.