Wir erwachten an einem Montagmorgen, nach zwei vollen Tagen entspannter Fahrt über das Schwarze Meer und trauten unseren Augen kaum, als wir aus unserem Kajütenfensterchen blickten. Direkt vor uns bauten sich schneebedeckte Berge auf und noch ein Stück weiter die „Skyline“ von Batumi. Wir sahen zu, dass wir an Deck kamen, wo sich auch schon zahlreiche andere Passagiere versammelt hatten, um andächtig dieses imposante Gemälde vor unseren Augen festzuhalten. Den Georgiern hat man angemerkt, wie glücklich sie waren, wieder ihr Land zu erreichen. Für uns „normale“ Passagiere begann nun ein deutlich kürzeres Prozedere als für die LKW-Fahrer und Geschäftsleute: wir erhielten Vorrang bei der Ausgabe der Reisepässe (ja, die waren an der Rezeption einbehalten worden) und der Ausweiskontrolle durch die Grenzpolizei, die extra an Bord gekommen war. Der nette Mann auf der Fähre, der schon beim an Bord gehen alles für uns regelte, erklärte uns jetzt en detail wie wir das Schiff am unkompliziertesten und schnellsten verlassen konnten. Nach Verabschiedung von all unseren Bekanntschaften, die wir geschlossen hatten, hievten wir über die schmalen Treppen des Schornsteinschachts unsere Gepäcktaschen zu den Rädern, die quasi in „Pole Position“ geparkt wurden, damit wir zügig von Bord gehen konnten. Unter den Augen amüsierter und interessierter Polizeibeamter spulten wir auf der Rampe unser gewohntes Bepackprozedere ab. Um den Hafen zu verlassen, mussten wir eine weitere Kontrolle passieren, jedoch genügte der Blick in Klaus‘ Reisepass, meiner war schon gar nicht mehr von Interesse. Viel spannender war, dass wir durch den Fußgängerweg mit Drehkreuz gelotst wurden. So hievte man die ca. 45 kg schweren Räder kurzerhand mit der Kraft von vier Männern über diese Hürde, statt uns einfach die Schranke zu öffnen. Einfache Lösungen finden wäre ja auch langweilig.

So, und nun rein ins Getümmel! Wir rollten auf einem Fahrradstreifen ins Zentrum und hatten eigentlich schon nach wenigen Metern keine Lust mehr, sodass wir tatsächlich das Hotel Plaza ansteuerten. Wir hatten zwar wegen der Schwimmhalle damit geliebäugelt, aber entschieden hat letztlich die Lage, denn es war nur einen Steinwurf vom Hafen entfernt. In einem großen Shoppingcenter galt es zunächst die Rezeption zu finden, wo man uns überaus freundlich empfing und meinte, es sei kein Problem, die Fahrräder per Aufzug hier hoch zu bringen und irgendwo am Geländer anzuschließen. Dass wir erst 14 Uhr ins Zimmer konnten, störte uns natürlich keineswegs, denn: wir hatten einen Swimming Pool! Und zwar nicht so ein Mini-Plantschbecken, sondern 25 x 50 Meter! Ein Traum, nachdem wir schon vor unserem Tourstart aus Spargründen ewig nicht in unseren Stammschwimmhallen waren. Doch vor der Kompensierung des Schwimmdefizits stand ein „medical check“ an. Ja, ganz richtig, hier darf man nicht einfach so ins kühle Nass. Zuerst schaute sich eine Ärztin unsere Füße an, maß unseren Blutdruck und fragte nach diversen anderen Krankheiten, bevor wir das Okay bekamen. Welch Degradierung des Arztberufes, in einer Schwimmhalle auf potentielle Fußpilzkandidaten zu warten! Doch damit der Vorschriften nicht genug, für mich als Dame gab es auch noch eine adrette Badehaube. Dass die Männer mittleren Alters vermutlich doppelt so viel Haare im Schwimmbecken lassen wie ich mit meinem zum Zopf gebundenen Haupthaar interessiert dabei niemanden. Die Aussicht vom Schwimmbecken hat aber entschädigt und ein Teil des Daches war sogar geöffnet. Noch dazu hatte jeder eine Schwimmbahn für sich – Traumbedingungen, die wir vom übervölkerten Deutschland und seinen Schwimmhallen nicht kennen. Es kommt noch besser: es gab eine Sonnenterrasse mit Blick über Batumi sowie geschlechtergetrennte Whirlpools, in denen man sich bis zur kompletten Verschrumplung durchblubbern lassen konnte – natürlich auch mit Blick über die Stadt. Beim Gang zur Dusche bemerkte ich schließlich eine kleine Sauna und da ich noch nie in einer war, nahm ich auch einfach mal hier Platz. Nach diesem mehrstündigen Fit- und Wellness-Programm genossen wir ein Weinchen auf dem Balkon unseres Zimmers und schauten dem bunten Treiben zu. Direkt unter uns wurde mit Unmengen Obst, Gemüse, Blumen und Kaffee gehandelt.

Am Nachmittag begann dann das Touri-Programm: wir liefen geradewegs zum Boulevard, wo Ali und Nino umeinander und ineinander schwebten (wirklich ein interessantes Monument für die – sagen wir – georgischen Romeo & Julia), das Riesenrad sich drehte und der Turm des georgischen Alphabets über der Stadt thronte. Wir haben die Liftfahrt zwar mitgemacht, waren aber etwas enttäuscht vom Rundumblick, der nur über getönte Fenster möglich ist. Wir liefen schließlich den „neuen“ Boulevard entlang, der parallel zum alten Boulevard ausgebaut wurde, um mehr und mehr Menschen an die Küste zu locken. Denn erst seit relativ kurzer Zeit ist die Wasserqualität wieder so, dass man in Batumi tatsächlich baden gehen kann. Das wissen auch Gastronomen auszuschlachten: es wird ein Hotel nach dem anderen gebaut, obwohl es schon in der gesamten Altstadt vor Hotels und Hostels nur so wimmelt. Und obwohl einige der neu erbauten Klötzer komplett leer stehen und das „zu verkaufen“-Schild an ihnen prangt, werden offenbar munter weiter Baugenehmigungen erteilt. Aber selbst viele der Sehenswürdigkeiten und Skulpturen sind kaum älter als sieben Jahre, was auf einen rasanten Wandel dieser Stadt hindeutet. Bewährt und alt eingesessen war hingegen das „Retro“, wo wir auf Dudus Empfehlung original adscharische Chatschapuri gegessen haben – sehr lecker und äußerst sättigend! Gut, dass wir noch einen ausgiebigen Spaziergang zurück ins Hotel unternahmen, nicht ohne uns noch mit einer Cola zu versorgen. Hier machten wir Bekanntschaft mit der Überwachungskultur. In beinahe jedem Laden folgt ein Angestellter auf Schritt und Tritt und kontrolliert, dass man ja nichts mitgehen lässt. Auch am nächsten Tag beim Postkartenständer war es der Verkäuferin nicht zu blöd, minutenlang in unserem Rücken zu stehen, während wir über unsere Auswahl nachdachten. Daran muss man sich wirklich erst mal gewöhnen…

Der Dienstag in Batumi begann erst einmal richtig verregnet, doch schon beim Morgenschwimmen konnten wir den aufreißenden Himmel beobachten. Wir vertrödelten den Morgen, was aber auch nicht schlimm war, denn ganz Georgien erwacht erst spät und so nahm auch die Seilbahn erst zum Mittag den Betrieb auf. Für 15 Lari pro Nase gondelt man über die Dächer Batumis zu einer Aussichtsplattform, die einen wunderschönen Blick über die Bucht und die dahinterliegenden Berge bietet. Bald kamen Scharen von russischen und iranischen Touristen und wir suchten wieder die Altstadt auf, um all das abzulaufen, was wir am Vortag nicht schafften. Mangels schöner Alternativen landeten wir nochmal im Retro, probierten Chatschapuri mit Fleisch und Lobiani und schwammen uns die Kalorien am Abend wieder ab. Die Kassendame hatte gewechselt und wollte uns gleich nochmal zum medical check schicken. Wir stünden auch nicht bei ihr im Computer. Klar, wer weiß, wie die andere den Namen „Graebe“ ins Georgische transkribiert hat. Irgendwann konnten wir dann doch ins kühle Nass, dieses Mal mit Blick auf Batumi bei Nacht.

Am nächsten Morgen ging es endlich wieder auf die Fahrräder gen kleinen Kaukasus. Wie zu erwarten begleiteten uns aus der Stadt hinaus zahlreiche Autos, LKW, Marschrutkas und von ihnen aufgewirbelte Sand- und Dreckwolken. Je näher wir dem Tal des Atscharis-Zqali-Flusses kamen, umso besser wurde aber die Verkehrslage und vor allem umso schöner die Landschaft. Es ging über welliges Gelände leicht bergan und die Luft war so warm, dass das Ende des Tages schon vorauszuahnen war… Wir machten Halt an der Bogenbrücke von Machunzeti, wo uns noch zahlreiche russische Touristen das Fotomotiv vermiesten. Bereits an der nächsten, der Dandalo-Brücke waren außer uns auf einmal nur noch Kühe. Und Wolken. Keine guten Wolken. Besser schnell weiter, doch ehe wir uns versahen, hatte uns der Gewittersturm auch schon eingeholt. Bis zum Zielort Schuachewi waren es sicher noch zehn Kilometer. Aber da es in unserem Rücken nur noch schlimmer aussah, ließen wir uns vom Sturm den Bergrücken lang peitschen. Serpentine um Serpentine wanden wir uns im Dreckgestöber das Tal hinauf, als ein Mann aus seinem Van irgendwas mit „Hotel“ zurief und noch drei Kilometer andeutete. Ok, das war jetzt auch noch zu schaffen. Er sackte uns am entscheidenden Abzweig ein und führte uns zum Haus seines Bruders, Roma. Ja lustig, genau Roma’s House, wie es bei Google Maps eingetragen ist, planten wir sowieso anzusteuern. Nach einer Dusche unternahmen wir mit Roma, seinem Sohn und eben jenem Bruder Koba noch einen Ausflug zur Burgruine Okropilauri. Zum ersten Mal Autofahren seit 1 ½ Monaten! Durch die rasante Fahrweise waren wir in Windeseile da und als der Regen wieder einsetzte, machten wir einfach eine „Sightseeing-Tour“ durch Schuachewi per Auto. Hier gab es für ein kleines Örtchen erstaunlich viel: Krankenhaus, Polizei, drei Banken, Supermärkte, eine Schule und ein Hotel. Wir waren aber sehr froh, bei der Familie Dumbadze eingekehrt zu sein. Bei Ankunft gab es Tee und Kekse, was fließend über ging in Rotwein und Abendbrotleckereien. Wir saßen lange zusammen und dank des Sohnes hatten wir auch immer einen guten Dolmetscher. Wobei wir den Hut vor Roma zücken, der sich auch jetzt im Erwachsenenalter noch große Mühe gibt, Englisch zu lernen.

Bei der herzlichen Verabschiedung von der Familie Dumbadze gab es für uns nochmals eine Hand voll Äpfel und einen halben Liter selbstgebrannten Tschatscha mit auf den Weg. So viel Verpflegung war natürlich gar nicht nötig, denn da die Wolken an diesem Donnerstag tief hangen und die Straßen vom nächtlichen Regen noch triefend nass waren, stand für uns fest, dass in Khulo, nach nur knapp 20 km eh schon wieder Schluss sein würde. Zum einen sollte Khulo ein halbwegs interessanter Ort sein (Seilbahn über die Schlucht, Historisches Museum), zum anderen sollte von da an die Straße unbefestigt und bei Nässe noch unangenehmer denn je zu fahren sein. Ganz abgesehen davon, dass wir uns stundenlang den Berg hinauf kämpfen würden, um am Ende nichts zu sehen. Nachdem wir einen höhenmeterreichen Umweg über eine weitere Steinbrücke genommen hatten, stiegen wir im Hotel Khulo ab (nicht toll, aber auf langes Suchen hatten wir keine Lust) und ließen uns anschließend in einer rostigen rotfarbenen Seilbahn-Kabine mit ein paar Windstößen quer über die Schlucht fahren. Per Funk koordinierte ein alter dauerrauchender Mann mit sonnengegerbter Haut die Abfahrt und Ankunft an den Stationen. Auch wenn man sich selbst überwinden muss, in diese nicht wirklich vertrauenserweckende Gondel zu steigen, so sollte man doch Urvertrauen an den Tag legen und sich sagen: die Menschen hier machen seit Jahr und Tag nichts anderes, als so zwischen den beiden Dörfern hin und her zu fahren, ihren Arbeits- oder Schulweg zu absolvieren und ihre Einkäufe zu transportieren. Was soll ausgerechnet auf dieser einen Fahrt passieren? Anschließend bestaunten wir die Kirche und als der Priester unsere Neugierde vernahm, hielt er uns beiden bunte Tücher hin: bei mir für den Kopf und bei Klaus für die Beine, da er in kurzen Hosen unterwegs war. Sein Watschelgang mit um die Beine gespanntem Tuch war zum Einpullern komisch, aber leider traute ich mich nicht zur Foto-Dokumentation in diesen ehrwürdigen Hallen. Zumal ich mich schon darauf konzentrieren musste, nicht allzu laut vor mich hin zu schluchzen. Also liebe Leserschaft, hier bleibt euch nur die Phantasie.

Um den Touri-Ausflug komplett zu machen, wollten wir eigentlich noch ins Historische Museum, welches einen schönen Einblick ins adscharische Landleben geben sollte, aber natürlich war die Tür verschlossen und nirgends Öffnungszeiten geschweige denn eine Telefonnummer angebracht. Na gut, dann bilden wir uns eben nicht, sondern gehen essen. Im „Hotel-Café“ (also nicht unser Hotel, sondern eine Reise-Know-How-Empfehlung) reichte man uns für die Essensbestellung ein Handy, wo eine Frau mit Englisch-Kenntnissen beriet und alles Weitere an die Bedienung weitergab. So kamen wir zu Borani (im Prinzip Käse in einer würzigen Brühe) und Sironi (Blätterteig lustig gefaltet und mit Käse gefüllt), für die Region typische Speisen. Bereits am Ende unseres Bieres kam ein Typ vom Nachbartisch „Ihr seid aus Deutschland?“. Es war ein Neuseeländer, der freiwillig Deutsch lernt und an einem Lehrer-Auslandsprogramm teilnimmt, genauso wie sein Tischgenosse aus Chicago. Sie luden uns mit zu sich an den Tisch ein und bald kam ein weiterer Lehrer-Freund aus den USA dazu. Wir unterhielten uns eine weitere Bierlänge bis sie per Taxi zu den Gasteltern des Neuseeländers aufbrachen und wir uns noch kurz unsere Abendlimonade kauften. In dem Mini-Markt gerieten wir natürlich wieder in einen Smalltalk und nachdem der Verkäufer hörte, dass wir mit dem Fahrrad aus Deutschland hergekommen waren, gab es zwei Bananen geschenkt. Gmadloba!

Das Hotelfrühstück am Morgen war hingegen eine bodenloseste Frechheit. Man knallte Teller, vertrockneten Käse, Butterstücke und einen Brotkorb lieblos auf den hässlichen Glastisch und ließ uns mit dem Gedanken zurück „Das war jetzt nicht alles, oder?“. Das Brot und auch der spärliche Belag waren nicht nur pupstrocken. Als ich die ersten Bisse genommen hatte schaut mich Klaus an: „Sag mal, ist das Schimmel?“ und ja, das Brot war am Boden verschimmelt. Ich habe selten gesehen, das Klaus so die Hutschnur reißt, aber es war angemessen. Er stürmte zu den Service-Nieten, zeigte ihnen die drohende Lebensmittelvergiftung und wir sahen zu, dass wir hier weg kamen. Wir zahlten natürlich weniger, wäre ja noch schöner. Vor dem Haus trafen wir eine Deutsche, die in einer kleinen Gruppe per Auto reist und die am Vorabend spät in Khulo ankamen. Sie hatte zwei Kekse in der Hand, als hätte sie geahnt, dass man das Frühstück hier gar nicht erst versuchen muss.

Ab da ging es fast nur noch bergauf, über die schotterigste, schlaglochreichste Piste, die wir je unter den Rädern hatten und das mühsame Vorankommen machte uns schon bald klar: Wir schaffen es niemals bis Akhaltsikhe, auch wenn es „nur“ 80 km entfernt gewesen wäre. Nach dem zermürbenden Anstieg, so panoramareich er auch war, waren wir erst 17 Uhr auf dem Goderdzi-Pass in 2025 Metern Höhe. Der Ausblick war grandios, die Sonne brutzelte und wir plauderten mal wieder mit zwei älterlichen Herren, die uns Gott sei Dank darauf hinwiesen, dass sich das Hotel Meteo direkt in unserem Rücken befand. Was? Wir dachten noch fünf Kilometer weiter? Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Das war die Entfernungsangabe zum Skiressort, welches Ex-Präsident und Geschäftsmann Saakashvili (an dem sich in Georgien übrigens die Geister scheiden) hier hat bauen lassen. Gerade nochmal Glück gehabt, denn ganz ehrlich, die Abfahrt hätten wir uns jetzt nicht noch antun wollen. Wir bezogen ein gemütliches Zimmer und bekamen von einer super lieben Mutti ein formidables Mahl nach den Strapazen. Wir waren sowas von voll, als wir uns mit Rotwein auf die Sonnenterrasse setzten, aber vor allem waren wir glücklich. Der kalte Wind blies uns um die Ohren und wir sahen in Decke eingehuschelt der Sonne beim Untergehen zu.

Da im Zimmerpreis kein Frühstück enthalten war, wollten wir auf dieses verzichten und mit einer Banane und ein paar Keksen intus zeitig starten. Aber als wir mit gepackten Sachen nach unten kamen, standen Hotelbesitzer-Vati und -Mutti bereits mit vorbereiteten Tassen und Marmeladenschälchen da und fragten, wieviele Eier wir für’s Omelette wöllten. Wir haben es nicht über’s Herz gebracht, den beiden vor den Kopf zu stoßen und ließen uns nochmals toll bewirten und es war so lecker! Am Ende fehlten uns nach der ganzen ungeplanten Schlemmerei die letzten Lari. In diesen Währungen, wo man recht schnell hohe Beträge erreicht, haben wir irgendwie chronisch zu wenig dabei. Das ging uns in Serbien genauso. Man hat das Gefühl, doch recht viel Geld einstecken zu haben, aber in Euro umgerechnet, sind es eigentlich Kleckerbeträge. Glücklicherweise hatten wir noch Euro einstecken, welche auch sehr gern genommen werden. Nach dem Räder Bepacken schenkte uns die herzliche Mutti noch zwei Äpfel für den Weg, busselte uns und der liebe Vati zeigte uns seine Selbst-Schnaps-Brenn-Anlage Marke Eigenbau. Toll! Mal wieder recht spät rollten wir von nun an Richtung Zarzma-Kloster, wo die Straße endlich in Asphalt übergehen sollte. Doch vor uns lagen drei Stunden Fahrt über Schotter, Löcher, Buckel und vor allem: Schmelzwasser. Nach mehreren Abschnitten, wo man lediglich einige Schritte durch das vom Berg sausende kühle Nass machen musste, kam schließlich ein Abschnitt, wo einfach mal die ganze Straße einem Bergbach glich. Doch jede Hürde überwanden wir souverän und konnten dann einfach nur noch den Asphalt genießen. Auf glatter, wenn auch immer noch hügeliger Straße rollten wir im Sausewind nach Akhaltsikhe. Im Hotel Old Rabati hatten wir uns ein günstiges und zugegeben auch recht schäbiges Zimmer organisiert. Aber die Lage zur berühmten Festungsanlage war perfekt. Wir liefen alles ab, bestaunten Moschee, Kirche, Burg und die zahlreichen Türme, stiegen wieder hinab zum Einkauf, abendbroteten mit leckerem Wein auf dem Balkon unserer Unterkunft und stiegen nochmal bei Nachtbeleuchtung auf einen auch außerhalb der Öffnungszeiten zugänglichen Turm der Festung.

Da unser Kabuff nicht einmal ein Fenster hatte, schliefen wir länger als gewollt. Doch auch der Blick nach draußen hätte uns nicht viel mehr erquickt: Regen. Um 9 rollten wir uns leicht unmotiviert zum Frühstück und wurden sowas von überrascht. Es gab nicht nur frisches, leckeres Brot, Käse, Gemüse, Krautsalat und Eier. Man brachte uns ein kleines Chatschapuri. Und bald darauf ein zweites. Für jeden ein Chatschapuri zum Frühstück und als das leckere Brot alle war, gab es Nachschlag. Wenn das kein gutes Radler-Essen war!

So konnten wir tatsächlich die 60 zum Großteil ansteigenden Kilometer bis zur Felsenstadt von Vardzia in einem Ritt durchziehen. Gut, ein Ritt mit zahlreichen Unterbrechungen, aber eben ohne Hunger-Ast. In Aspindza hielten wir zunächst an einem Obst- und Gemüsestand, wo uns die Verkäuferin Julietta reichlich mit Erdbeeren ausstattete. In gebrochenem Russisch berichteten wir ihr von unserer Reise und sie konnte es kaum fassen. Mehrfach fragte sie uns, ob wir nicht noch mehr brauchen, oder lieber gegenüber richtig essen gehen wollten. Wir hätten ihr wohl einfach Fotos vom Frühstück zeigen müssen, dann hätte sie uns vielleicht geglaubt, dass wir nicht hungrig sein konnten. Kaum weiter gerollt, grüßte uns ein junger Mann von der Seite mit „guten Tag“. Na nu, das kommt bei allem „Gamarjoba“ und „Odkuda?“ wahrlich selten vor. Wir begannen uns auf Deutsch zu unterhalten. Natürlich war Zurabs Deutsch nach fünf Jahren Studium in München perfekt und es war schön zu hören, dass er in die Heimat zurückgekehrt war, um zu unterrichten und nebenbei eine Bäckerei zu eröffnen. Der Duft stieg aus dem Laden und kaum hatte ich das wohlwollend bemerkt, rannte er los, um uns eines dieser tollen „Meskhuri Puri“ zu holen und uns zu schenken. Es war sogar noch warm! Nach dieser herzlichen Begegnung radelten wir weiter und trafen noch vor der Khetvisi-Festung einen französischen Reiseradler bei einem alten Mütterchen und ihrem Verkaufsstand. Nach einem Sturz am Tag zuvor wegen defekter Bremsen waren sowohl Fahrrad als auch er sehr mitgenommen. Wir empfahlen ihm, in Aspindza nach einem Krankenhaus oder Arzt Ausschau zu halten, doch wir trauten unseren Ohren kaum, als wir hörten, dass er von da kam und auch auf dem Weg nach Vardzia war. Warum man unter Schmerzen in ein entlegenes Tal fährt, obwohl Körper und Fahrrad im Arsch sind, statt sich in die nächste Stadt zu begeben und alles ins Lot zu bringen, leuchtete uns gar nicht ein. Wir wollten ihm eigentlich für den Fall der Fälle unsere Nummer geben, aber der Herr ist ohne Handy unterwegs. Nur Tablet. Ah ja, na dann eben unsere Visitenkarte mit Online-Kontakten. Doch da wir nun wirklich mal in der Natur zelten wollten, nützte das im Notfall natürlich nicht viel. Wir kauften bei dem lieben Mütterchen, die sich selbst als „Babuschka“ bezeichnete noch grünen Spargel und selbstgemachten Wein. Nach einer weiteren Hundeattacke erreichten wir die noch gut besuchten Höhlen von Vardzia und fanden ein lauschiges Plätzchen direkt unterhalb dieser imposanten Relikte am reichlich Wasser führenden Fluss. In der Idylle genossen wir das leckere Brot und den super zarten grünen Spargel. Nur der Wein, der war etwas seltsam sprudelnd.

Mit dem Wetter hatten wir bei allen schlechten Vorhersagen riesen Glück. In der Nacht tröpfelte der Regen auf unser Zelt, doch am Morgen während des Frühstücks und Zeltabbaus blinzelte sogar die Sonne durch die Wolken. Erst pünktlich um 10, als wir unsere Räder zum Einlass in die Felsenstadt schoben, setzte leichter Regen ein. Zwei Stunden lang bestaunten wir dieses Monument vergangener Zeiten und man konnte nur staunen, was sich die Menschen damals hier geschaffen haben. Mit dem Radl ging es schließlich zurück zur Fernverkehrsstraße, die sich mit erträglichem Verkehr und wirklich rücksichtsvollen LKW-Fahrern stetig bergauf schlängelte. Wunderschöne Natur wandelte sich jedoch urplötzlich in Akhalkalaki in ein marodes Kleinstadtmoloch. Am Obststand begutachtete gleich eine Horde Männer unsere Fahrräder und war sichtlich beeindruckt. Okay, womöglich haben sie auch gedacht „die haben doch ´ne Macke“ – der Grat zwischen Bewunderung und Unverständnis ist schmal. Es war zwar bereits Nachmittag, aber wir brauchten jetzt definitiv in dieser Höhe und bei diesen Temperaturen eine Aufwärm-, nicht nur eine Snackpause. Es bedurfte langer Suche, um tatsächlich eine Kneipe ausfindig zu machen, die uns auch mit Speisen bewirten konnte. Laute türkische Musik schallte uns entgegen und auf den ersten Blick unfreundliche Menschen bedienten uns. Doch was uns nach der Bestellung von Ostri und Chatschapuri geliefert wurde, trotzt jeder Beschreibung. Es war gigantisch, es war viel, es war super lecker. Und werte Leserschaft, wenn Klantje etwas übrig lassen, dann wisst ihr, dass es ECHT viel gewesen sein muss. Ein liebes Muttchen packte uns aber sogar noch die übrigen Stücke Chatschapuri ein.

Mit vollem Bauch ging es also weiter nach Ninotsminda, oder besser holperte. Die Straße war der Hass, links und rechts nur Steppe, kaputte Bahngleise, Baustellen, ehemalige Industriehalden. Mitten in dieser Trostlosigkeit ereilte uns eine weitere Hundeattacke – dieses Mal sehr unvorhersehbar von einem großen übel aussehenden Monster. Es gibt ja auch jene Attacken, wo sich das Biest schon durch Kläffen ankündigt und man ein paar Meter Zeit hat, um abzusteigen, sich auf der richtigen Seite des Fahrrads zu positionieren und schon mal Stein und/oder Pfefferspray in die Hand zu nehmen. Doch diese Bestie erwischte mich vorne fahrend eiskalt. Ich driftete nur so schnell es ging nach links, sprang vom Fahrrad ab und betete, dass er stehen geblieben war. Die Männer auf diesem „Anwesen“ (wieder irgendwelche Industrie) bequemten sich nur allmählich ihn und die anderen bellenden Kampfhunde in die Schranken zu weisen. Mit einem tief sitzenden Schock und kullernden Tränen ging es weiter, über eine immer noch schlechter werdende Straße in einen Ort, der an Hässlichkeit mit Akhalkalakhi konkurriert: Ninotsminda. Zugegeben, hier oben herrscht im Mai erst eine Vorstufe von Frühling und alles ist noch grau, da sieht es fast überall noch recht trostlos aus. Aber man sieht trotzdem, ob sich Menschen beim Hüten von Haus und Hof Mühe geben. Und der Eindruck, dass die Leute hier einfach nicht willens sind, ein bisschen Energie zu investieren, setzte sich in diesem ganzen Landstrich bei uns fest. Dabei haben die meisten hier wirklich viel, viel Zeit. Doch es kann natürlich auch sein, dass der äußere Schein trügt. Dem war definitiv bei unserem unverhofften Gastgeber Andranik so. Wir waren gerade dabei, den Ort zu verlassen, als Klaus eigentlich nur die Digitalanzeige fotografieren wollte, dass unser Pass offen ist (bei über 2000 m Höhe muss das ja noch nicht selbstverständlich sein). Da sprach uns ein junger Mann an und lud uns zu Kaffee und Tee ein. Wir wollten ihm andeuten, dass es dann zu spät für uns würde, da wir zelten wollten und es bald dunkel wird. Es war immerhin schon 18 Uhr. Doch er ließ sich nicht abwimmeln und wir dachten uns: „na gut, zur Not muss er uns einfach erlauben, bei ihm auf dem Hof das Zelt aufzuschlagen“.

Was wir erlebten war die viel gepriesene Gastfreundschaft. Wohl gemerkt waren wir hier in einer armenischen Familie gelandet – vielleicht ein Grund dafür, dass wir nicht mit Wein und Tschatscha abgefüllt wurden? Uns sollte es nur recht sein. Andranik war selbst erst 22 Jahre alt, lebte noch im Elternhaus, aber anscheinend war es für die Eltern keinerlei Problem, dass er einfach zwei Radler von der Straße aufgegabelt und mit ins Haus geschleppt hat. Es gab sehr leckeren Tee, grandiosen Honig, Kekse, Brot, Süßigkeiten, Äpfel. Und ja, bei diesem reich gedeckten Tisch haben wir einfach nichts runter bekommen, so schwer lag noch das Essen in unseren Bäuchen. Die Kommunikation war etwas holprig, da Andranik nicht viel Englisch konnte, aber alle Seiten gaben sich Mühe. Schließlich wurde uns noch ein eigenes Zimmer angeboten, wow. Während Klaus mit Andranik draußen Männergespräche führte, Werkstatt besichtigte etc. bezog ich mit der Mutti, die leider ausschließlich Armenisch sprach, das Bett. Nach einer heißen Dusche konnten wir darin super schlafen und bekamen am nächsten Morgen, wie sollte es anders sein, noch Frühstück und da ich am Vorabend den Honig so lobte, sogar noch ein Glas Honig abgefüllt. Als wir Geld anboten, hielt uns Andranik nur das Smartphone mit Google Translator hin, welches sagte, wir würden damit sein Geschenk „hässlich“ machen. Oh, ok, wir haben das natürlich nicht so gemeint! Es ist wirklich erstaunlich, wie unvoreingenommen Menschen Tür und Tor öffnen und trotz aller Kommunikationsbarrieren so herzlich und gastfreundlich sein können.

Bei stürmischem Sonne-Wolken-Mix brausten wir weiter in Richtung Tukmatash-Pass. Es gab wieder beschissene Wachhund-Attacken, die uns von den Rädern abspringen ließen, aber dafür auch unheimlich tolle Landschaften, die für alle Strapazen entschädigten. Diese Hochebene hinterließ mit der kargen Steppe, den schneebedeckten Gipfeln und den glasklaren Gebirgsseen einen bleibenden Eindruck. Noch mehr hätten wir es genießen können, wenn der Sturm uns nicht so eiskalt um die Nase geblasen hätte. Abhängig von den Windungen der Straße schob er oder bremste uns komplett aus. In jedem Fall machte er gemütliche Genusspausen unmöglich, bis wir den Pass überwunden hatten und bergab rollten. Nach einer sonnigen Mittagspause mit Rest-Chatschapuri und Tschatscha (ja, noch der von Roma) ließen wir uns vom Sturm weiter bergab treiben. Als wir in Tsalka ankamen, war es tatsächlich schon wieder so mild, dass wir uns eine kleine Eispause gönnten. Danach ging es wieder ein gutes Stück bergauf, bis wir schließlich fast nur noch Richtung Manglisi bergab rollten, über eine furchtbar ausgefräste Straße, mit dem hässlichsten Hirtenhund der kompletten Reise, der uns mal wieder einen Schrecken versetzte, und dem ständigen Spähen nach einer geeigneten Zeltstelle. Bei einer ehemaligen Gaststätte konnten wir schließlich geschützt unser kuscheliges Heim aufstellen und es gab sogar noch eine alte Bank samt Tisch, die uns als „Küche“ diente.

Nach ein paar heftigen Sturmböen und Regenschauern in der Nacht begrüßte uns der Folgetag mit blauem Himmel, sodass wir alles trocken verpacken und uns auf die „läppischen“ 50 km nach Tbilisi machen konnten. Merke: wenn dein Ziel auf der einen Straße mit 50 und auf der anderen mit 70 km ausgewiesen wird, nimm die 70! Vermutlich führen diese umwegreich UM die Berge, statt jeden Hügel mitzunehmen. Dass Georgien anspruchsvoll ist, wissen wir zwar mittlerweile schon, aber dass wir auf einer Tagesetappe, wo es primär hinunter in einen Kessel gehen sollte, derart viele Höhenmeter bergauf fahren würden, kam doch überraschend. So rollten wir erst zur Nachmittagsstunde bei immer dichter werdendem Verkehr in Georgiens Hauptstadt ein. Dort lasen wir auch erst die ernüchternde Nachricht unseres erhofften Warm Showers Hosts, der dank eines Australiers leider schon belegt war. Die spontane Hostelsuche brachte uns ins Corner Hostel, welches so versteckt in einer Seitenstraße lag, dass wir es ohne die Hilfe netter Passanten wohl nicht gefunden hätten. Sofort hatte einer der Helfer das Handy gezückt und wenig später kam unser Gastgeber Georg entgegengerannt. Ganz ungewohnt für uns, sprach er trotz des hohen Alters relativ gut Englisch. Wir sind eben nicht mehr auf dem Land. Neben seiner Tragehilfe bot er uns zum Einstand gleich wunderbaren Wein an. Obwohl dieser zur Ermüdung nach sieben Tagen höhenreichen Fahrradfahrens beitrug, überwanden wir uns hungergetrieben, die schöne Altbauwohnung zu verlassen. Nach einem Abendschmaus folgte noch ein Spaziergang über die zurecht im Reiseführer als abenteuerlich bezeichneten Bürgersteige. Die sind nicht nur alles andere als barrierefrei, sondern bei der spärlichen Straßenbeleuchtung halsbrecherisch. Zum Glück hatten wir zum Abendessen nur Limonade, betrunken kann das echt schiefgehen. Zurück im Hostel erlebten wir einen gackernden russischen Altweiberhaufen – eine von ihnen hatte Geburtstag. Da sie außerhalb der Wohnung weiter feierten, fanden wir sogar unsere Nachtruhe.