Freundliche Grenzbeamte drückten uns den vorletzten Stempel unserer Expedition in den Reisepass, während man voller Unverständnis nach unserer Kinderlosigkeit fragte. Warum? Na weil wir reisen wollen. Kopfschütteln. Der letzte Grenzposten, den wir passierten, kannte sogar Dynamo Dresden und wusste, dass sie in der 2. Bundesliga spielen. Ein lustiger Start in ein neues Land an einer Grenze mitten im Nirgendwo. Einige Kilometer quälten wir uns noch weiter über nervtötenden Straßenbelag bis wir ca. 15 km vor Kegen wieder Asphalt unter den Rädern hatten. Prompt rollten wir viel geschwinder, doch das nützte uns nicht viel. Denn in diesem schrägen Ort verloren wir dank der Unfähigkeit der Einheimischen elendig viel Zeit auf der Suche nach einer Geldwechselmöglichkeit. In mehreren Shops fragten wir nach. Entweder man wusste nichts oder behauptete es gebe nichts oder verwies auf Almaty. Bitte was? Bis Almaty planten wir noch fünf Tage unterwegs zu sein, in denen wir uns schon ganz gerne die ein oder andere Limonade gekauft hätten. Auch die Runde zum bei OsmAnd eingetragenen Hotel brachte keinen Erfolg. Uns war egal, dass bei der Kartenmarkierung in Klammern „inside ok“ stand. In dieser Bruchbude wollten wir nicht den kleinsten Hauch eines Versuchs starten. Ein KFZ-Mechaniker lotste uns dann mit unserem Geldproblem zum ersten Mal in die richtige Richtung und eine sehr nette Dame zeigte uns final dann endlich die Bank. Es gab also eine Bank!? Und hundert Meter weiter zuckten die Verkäufer nur mit den Achseln? Entweder man war hier außerordentlich dumm oder außerordentlich nicht-hilfsbereit. Leider dauerte es auch bei der Bank eine Ewigkeit, bis wir an unser Geld kamen. Doch sobald wir mit den ersten Tenge flüssig waren, stürmten wir in das nächstgelegene Magasin und trafen zum ersten Mal auf freundliche Verkäuferinnen, die uns bei jedem Produkt erklärten, ob es auch original kasachisch ist oder nicht. Bei der Frage nach einem „gostnitsa“ verwiesen sie leider auch nur auf die Bruchbude, die wir bereits umkreiselt hatten. Aber trotz Zeitnot und Ortsnähe ging unsere Zeltplatzsuche sogar noch recht glücklich aus. Aufgrund einbrechender Dunkelheit kochten wir nur noch schnell die China-Nudeln, die wir seit dem Pamir als Notreserve mit herumfuhren.

Die Nacht war wieder außerordentlich frisch, obwohl wir uns eigentlich niedriger befanden als die Nacht zuvor auf dem letzten kirgisischen Pass. Der Fluss „Kegen“ sorgte jedoch für eine unangenehme feuchte Kühle, die uns mal wieder nur schwer aus den Daunen krabbeln ließ. Doch pünktlich wie die Maurer schaffte es die Sonne dann doch wieder, bis um 10 die Umgebung so zu erwärmen, dass wir in kurzem Radler-Outfit aufbrechen konnten. In sanften Wellen arbeiteten wir uns auf schnurgerader Straße auf den nächsten und damit letzten richtigen Pass (1930 m) unserer Reise hinauf. Fortan ging es in angenehmen Kurven viele hundert Meter hinab, vorbei an von Wind und Wasser abgeschliffenen Felsformationen. Gut konnten wir uns jetzt schon das Canyon-Gebiet vorstellen, in das wir bald kommen sollten. Gerade als ich im Begriff war, der Vorfahrtsstraße nach links Richtung des Ortes Aksay zu folgen, erhob Klaus Einspruch. Er hatte die braunen Schilder mit den touristischen Zielen ernster genommen als ich. Geradeaus über die Nebenstraße sollte man in nur 8 km an den Temerlik-Canyon gelangen, der wie der Sharyn-Canyon wunderschön und laut Caravanistan einen Besuch wert sein sollte. Klaus überredete mich zu diesem Experiment. Wir rollten 8 km lang bergab, um in einem schnöden Flusstal zu landen. Ein paar Häuser standen hier, eine Brücke führte über den Fluss, aber nach einem richtigen Canyon sah das weiß Gott nicht aus. Ein dicker SUV hielt, der Belgier am Steuer erzählte, dass er seit acht Jahren in Karakol lebte und bot seine Hilfe an. Seine Landkarte war noch undetaillierter als unsere und er meinte, in der Richtung, aus der er kam, gebe es keinen Canyon und überhaupt wäre da alles nur trocken und öde. Wir sollten unbedingt zur Hauptstraße zurück und den Sharyn-Canyon ansteuern. Wir erklärten das Experiment für gescheitert, denn bei diesen Aussichten hatten wir keine Lust, auf gut Glück ewig weiterzufahren, in der Hoffnung irgendeinen Zugang zum Canyon zu finden, den der Belgier möglicherweise übersehen hatte.

Der Weg zurück war erwartungsgemäß schweißtreibend und an Radeltag Nr. 3 ohne Dusche oder Waschmöglichkeit wurde ich natürlich immer mürrischer. In Aksay war die Laune aber schnell wieder gut: es gab Piroschki und Eis als Stimmungsaufheller. Nur Obst war in keinem der drei geöffneten Magasins aufzutreiben. Hier scheint man sich ja richtig gesund zu ernähren. So schwer war es ja nicht mal auf dem Pamir Highway, an Obst zu kommen… Da es nun bereits Nachmittag und das „Valley of Castle“, das wir im Sharyn Canyon ansteuern wollten, noch über 40 km entfernt lag, beschlossen wir einen auf OsmAnd eingetragenen Zeltspot in nur 15 km anzusteuern. Sah immerhin so aus, als wäre er in Flussnähe und bei unserer Müffelei war eine Katzenwäsche angebracht. Der Weg dahin radelte sich sehr angenehm mit tollen Blicken auf die trockene, zerklüftete Schluchten- und Gebirgslandschaft. Für das tollste Gefühl sorgten aber seit langem mal wieder Auto- und LKW-Fahrer, die uns nicht aus purer Aggression, sondern endlich mal wieder zum Gruß anhupten, wie wild winkten und uns wirklich das Gefühl gaben, dass sie sich freuten, mit uns die Straße zu teilen, statt uns als Erzrivalen zu sehen wie es die Kirgisen taten. Bei den ersten Hupern schreckten wir immer noch zusammen und dachten automatisch, gleich will uns jemand über den Haufen fahren. Doch langsam und gerne gewöhnten wir uns wieder an den freundlichen Umgang mit Reiseradlern. Es gab sogar ein Iran-Revival: plötzlich stoppten Autofahrer oder drehten um, um ein Selfie mit uns aufzunehmen. Bald überquerten wir die Brücke, hinter der der Zeltspot markiert war… Doch man hätte es ahnen können: ein Canyon bedeutet nicht unbedingt ein leicht zugängliches Ufer. Nach kurzer Suche fanden wir jedoch einen Weg, der uns geschmeidig hinab führte und eine tolle Zeltstelle offenbarte. Wow, das ist imposanter ausgegangen als wir zu hoffen vermochten. Direkt am Wasser, das gar nicht wie erwartet eisig kalt war, umgeben von rot gefärbten Felsen und grünen Bäumen und die letzten Sonnenstrahlen wärmten uns beim Waschen unserer verstaubten salzigen Körper und unserer voll geschwitzten Klamotten.

Nach einem idyllischen Morgen entschlossen wir uns, das paradiesische Plätzchen zu verlassen und den geplanten Weg zum Sharyn-Canyon fortzusetzen. Zwar befanden wir uns schon genau an jenem Fluss, der sich später den Weg durch die schroffen roten Felsen bahnen sollte, doch in unserem Kartenmaterial existierte kein Weg am Fluss entlang. Ansonsten wäre das sicher ein schöner Wandertag geworden. Stattdessen wurde es ein viel qualvollerer Fahrradtag als man bei der Distanz von 27 km ahnen konnte. Die ersten Kilometer ging es nur bergauf mit einer dicken Prise Gegenwind. Wir windeten uns durch die grauen trockenen Felsen, bis wir den höchsten Punkt erreichten, den eine heroische Reiterstatue zierte. Aha, also doch noch ein Pass, den uns OsmAnd verschwiegen hatte! Sogar bergab mussten wir dank des Sturmes strampeln. Lediglich die imposante Mondlandschaft ließ uns die Anstrengung beinahe vergessen. Der Abzweig zum Sharyn-Canyon erlöste uns dann zwar vom Gegenwind, doch keinen Meter konnte man sich ohne Bangen treiben lassen, dass einen derselbe Wind, der jetzt noch brausend schob, am nächsten Tag volle Breitseite ausbremsen würde… Über Sand und Wellblech und unter neugierigen Augen zahlreicher Touristenbusse rollten wir am „Nature Reserve“ ein – ein Nationalpark, in dem Autos größtenteils rumkurven und -stehen können wie und wo sie wollen und wo man zwar zahlreiche Mülleimer aufstellt, um die Umgebung trotz Besucherandrangs reinzuhalten, jedoch den gesammelten Müll einfach irgendwo am Wegesrand verbrennt. Naja, wir bezahlten das Eintrittsgeld natürlich trotzdem und mussten uns im Ausflügler-Gewusel, denn wir waren ausgerechnet an einem Samstag hier gelandet, orientieren. Wir beschlossen, nicht runter in die Schlucht zu radeln, sondern das Naturwunder von oben zu bestaunen und hier möglichst eine Zeltstelle zu finden. In der autofreien Zone auf den Felsen fanden wir einen Pavillon, in den sich wegen des herumliegenden Mülls anscheinend niemand traute, der uns aber der perfekte Platz zum Biwakieren schien. Wir fotografierten, was das Zeug hielt, kochten unsere Nudeln im Windschutz des Pavillons und freuten uns eigentlich schon auf eine gemütliche Nacht, doch vollkommen entgegen unserer Erwartungen hörte der Sturm nach Sonnenuntergang nicht auf, sondern legte ordentlich zu. Genau genommen fand er immer dann, wenn wir dachten, es ginge nicht schlimmer, noch eine tosendere Steigerung und uns wurde ziemlich bange. Nun war es dunkel, kalt und auch noch gefährlich. Zu allem Übel blitzte es regelmäßig im vor uns liegenden Gebirge, das uns an die Julischen Alpen erinnerte. Das Dach unseres Pavillons war natürlich halb offen, was uns dem Gewitter mit wenig Gelassenheit entgegen blicken ließ. In unseren Köpfen spielten sich die wildesten Horrorszenarien ab. Insgeheim sahen wir uns schon im Sandsturm durch die dunkle Nacht zum Eingangshäuschen krabbeln. Das Szenario trat zwar nicht ein, dennoch sollte uns die Nacht im Gedächtnis bzw. in den Kochen bleiben: wegen des umherfliegenden Sandes wollten wir uns nicht auf den Boden legen, sondern verbrachten die Nacht auf den ultrabequemen schmalen Holzbänken, auf denen wir uns so windgeschützt wie nur möglich wie die Raupen verpuppt in unseren Schlafsäcken zusammen kringelten. Viel geschlafen haben wir jedenfalls nicht…

Gerade so mit dem Leben davon gekommen, konnten wir die „Belohnung“ für’s Durchhalten einheimsen: Sonnenaufgang und vollkommene Stille über dem Canyon – also, bis auf den Wind natürlich. Wir schoben uns in der morgendlichen Kälte fix ein Snickers in den Rachen und kämpften uns den Sandweg zur Hauptstraße zurück. Geschlagene zwei Stunden brauchten wir für 14 km. Dort hörte der Sturm natürlich nicht auf. Über eine weite Ebene kämpften wir uns bis Kokpek, wo wir hofften, unsere dezimierten Vorräte noch einmal aufstocken zu können. Ich klapperte alle offenen Geschäfte ab, keine Chance. In diesem Ort gab es kein frisches Obst und Gemüse, man verwies uns an die Konservendosen oder das 40 km entfernte Silik. Ja, danke. Da waren wir auf dem Pamir Highway eindeutig besser versorgt. Seit Karakol hatten wir nun schon keine Möglichkeit mehr, etwas Frisches zu kaufen. Aber mit ungesunden Sachen konnten wir unsere Taschen bis zum Platzen vollstopfen! Dunkles Snickers und Aprikosenwein hat man schließlich auch nicht alle Tage. Was uns außerdem gut gefiel: Kasachstan war wieder ein richtiges Piroschki-Land! Die leckeren Kartoffelbrei-gefüllten Fettgebäcke hatten wir seit Armenien sehr vermisst und nur vereinzelt in den anderen „Stans“ wiederentdeckt. Auch sonst war die Pause ganz nett. Da sich Kokpek im Steppen-Niemandsland befindet, ist es DER Umschlagsplatz für ausgehungerte Autofahrer. Entsprechend viel los war auf dem Parkplatz und wir hatten den ein oder anderen interessierten Gast an unseren Fahrrädern. Man war super freundlich, befahl uns, Angela Merkel zu grüßen, wenn wir zurück sind und als hätte man unser Verlangen erhört, gab es einen Apfel geschenkt und wenig später „Kurt“, die bereits bekannten getrockneten Joghurt-Kugeln, die es ab dem Iran ostwärts fast überall zu kaufen gibt.

Fortan rollte es geringfügig leichter, durch eine letzte Berggruppe hinab in die große Ebene, die uns schließlich nach Almaty führen sollte. Von den letzten Reiseradler-Gesprächen wussten wir, dass es besser sein würde, die parallel zur Hauptroute verlaufende „gelbe“ Straße zu nehmen. So kamen wir zwar nicht in die Obst- und Gemüse-Stadt Silik, hatten jedoch keinerlei Probleme, einen ruhigen Zeltplatz am Wasserlauf zu finden. Prächtig, nach einer sandigen Nacht voller Angstschweiß und den Gegenwind-Anstrengungen des Tages ein bisschen Katzenwäsche betreiben zu können. Mit unserem letzten Gemüse konnten wir ein Linsengericht zusammenrühren und schauten etwas wehmütig der Sonne beim Untergehen zu – nur noch zwei Zeltnächte in Asien…

Verglichen mit unserer „Vom Winde verweht“-Episode am Canyon haben wir geschlummert wie die Lämmer, bevor wir unsere vorletzte Etappe gen Almaty in Angriff nahmen. Es war zwar jetzt deutlich herbstlicher geworden, dennoch meinte es das Wetter gut mit uns. Es war beinahe windstill, was wir kaum glauben konnten nach der Beutelei der letzten Tage. Dazu eine beinahe unbefahrene Nebenstraße mit einem Belag, den wir uns in Kirgistan nur hätten wünschen können. Der Tipp, hier lang zu fahren, war wirklich Gold wert! Vielleicht wären wir sonst tatsächlich der Hauptstraße gefolgt. In steten Wellen stotterten wir zügig Kilometer ab, mit einer Gebirgskette zu unserer Linken und zahlreichen Feldern zu unserer Rechten. Angesichts der ganzen Landwirtschaft war es erneut unfassbar, dass wir bei einem Stopp in einem der zwei Dörfer, die heute auf unserem Weg lagen, erneut keinerlei Obst auftreiben konnten. Wenigstens ein bisschen Gemüse gab es und somit war das Abendbrot bereits gerettet. Am Ende unserer Etappe folgten dann gleich zwei Supergaus: die Brücke über den Fluss war weggespült und als Klaus an den „Abgrund“ gefahren war, um sich von der nicht existenten Straße zu überzeugen, bemerkte er vorne einen Platten. Ausgleich! Jeder von uns war nun mit zwei Plattfüßen auf der Reise gesegnet. Sich am vorletzten Tag noch einen einzufahren war natürlich sagenhaft. Übeltäter war ein Dorn, der wiederum von unserer Faulheit herrührte im Einkaufsdorf nicht den Umweg zur Straße, sondern querfeldein eine Abkürzung zu nehmen. Schließlich stieß noch ein Reiter hinzu, der partout nicht wahrhaben wollte, dass wir bei der Kälte zelteten. Er insistierte, wir sollten mit zu seinem Haus kommen, da gebe es dann auch „maso“, also Fleisch zu Hauf. Dabei klatschte er immer wieder demonstrativ auf die Schulter seines Pferdes. Leider war uns seine Alkoholfahne zu unheimlich, sodass wir lieber ablehnten und behaupteten, Vegetarier zu sein, zumal wir uns auf die letzte Zeltnacht freuten. Ich hatte bereits eine romantische Zeltstelle im Flussbett ausfindig gemacht, als Fahrradmechaniker-Klaus sich am Plattfuß austobte. Nach einer ganzen Weile zog Berik von dannen und wir bezogen Lager. Zwischendurch kam noch ein Hirte auf einem Pferd mit zwei Hunden und einem nachtrappelnden Esel vorbei, dem seine Kuh ausgebüchst war. Leider konnten wir ihm bei seiner Suche nicht helfen. Nachdem die Sonne untergegangen war und wir gerade unseren Wein genossen, hörten wir auf einmal Handy-Gedudel. Da war unser Reiter Berik wieder mit einem großen Beutel Äpfel im Gepäck. Wahnsinn, als hätte er unsere Obst-Not geahnt! Als er weiter herumtelefonierte, schwante uns Böses. In der Tat kam noch ein Kumpel mit Wodka-Flasche hinzu, aber mehr wurden wir dann doch nicht. Der Freund war Usbeke und äußerst erquickt, dass wir in Bukhara und Samarkand gewesen waren. Auf der Wodka-Flasche war ein Pferd abgebildet, das hier von ebenso großer Bedeutung zu sein schien wie in Kirgistan. Leider konnten wir die Gesellschaft nicht nutzen, um noch ein wenig tiefer in die kasachische Kultur einzutauchen, denn die beiden konnten als einzige Fremdsprache Russisch, sodass es bei oberflächlichen Kratzereien blieb. Was wir herausfanden, war, dass der eine zwei und der andere drei Frauen hatte und natürlich große Verwunderung herrschte, dass dem Klaus das eine Weib reicht. Kinder zeugten sie natürlich auch entsprechend fleißig. Als wir andeuteten, ins Zelt zu wechseln, gingen die beiden, ohne Anstalten zu machen. Nachdem sie stets heftig insistierten, dass wir kräftig am Wodka nippen sollten, hatten wir ja die Befürchtung, dass es anstrengend werden könnte, sie zu verabschieden…

Zur Morgenstund‘ wurden wir geweckt von zahlreichem Getrappel direkt neben unserem Zelt. Die Schafherden wurden wieder in Richtung Berge getrieben und anhand der „Klaus“-Rufe war auch schnell der Hirte auszumachen. In der Angst vor einem Guten-Morgen-Wodka stellten wir uns natürlich tot, äh, schlafend. Als wir frühstückten, zog noch die ein oder andere Schaf- und Pferdeherde an uns vorbei und auch der Hirte, der am Tag zuvor noch seine Kuh suchte, präsentierte nun stolz seine Milchspenderin. Tapfer durchquerten wir den beißend kalten Fluss, wobei Klaus natürlich wieder die Hauptlast tragen bzw. eher schieben musste. Da hatte sich Berik mal gehörig getäuscht, als er uns weismachen wollte, dass wir es mit den Rädern niemals auf die andere Straßenseite schaffen würden. Das größere Hindernis stellten die nun wiedereinsetzenden Hundeattacken vom Straßenrand dar. Die Mistviecher meinten irgendwelche sinnlosen Felder oder Grundstücke beschützen zu müssen. Davon abgesehen zog sich die Straße unaufgeregt am Big Almaty Kanal entlang bis schlagartig der Boden weg war. Ein riesiger Tagebau erstreckte sich links und rechts des Weges. Die Agrarlandschaft war einem Erdloch gewichen, an dessen Rand tatsächlich noch Häuser standen. Was Menschen so anrichten können… Von da an begleiteten uns die Schutt-beladenen LKW – große Klasse. Bald war dann auch von unserer Nebenstraße der Asphalt runter und wir mussten kurz vor Almaty einen „Highway“ aufsuchen. Damit begann zum großen Eurasientour-Finale der anstrengendste Tagesabschnitt: im Großstadtverkehr – immerhin war Almaty einmal Kasachstans Hauptstadt – den Weg zum Hostel finden, welches natürlich im Süden der Stadt lag. OsmAnd hatte mit seinem Höhenprofil also nicht gelogen. Es ging zehn Kilometer lang nur noch bergauf. Zu guter Letzt, nur noch 200 Meter oder besser eine Flussbreite vom Hostel getrennt, war die rettende Brücke natürlich auch weg. Was ist nur mit den Brücken in Kasachstan los? Dieses Mal mussten wir die Räder jedoch nicht durch’s Gebirgswasser schieben, sondern lediglich einen weiteren schweißtreibenden Umweg von einem Kilometer und damit weiteren Höhenmetern in Kauf nehmen. Kaputt, glücklich und traurig zugleich klingelten wir beim Almaty Backpackers Hostel, welches wir jedem ans Herz legen würden, der eine gemütliche, familiäre Unterkunft sucht und kein Problem damit hat, wenn mal nicht alles „Dienst nach Vorschrift“-mäßig läuft.

Unseren Ankunftstag feierten wir erst mal mit einem Restaurant-Besuch und damit war es das dann auch schon mit Almaty-Touri-Freizeitspaß. Wir ließen den Vormittag ruhig angehen, tratschten mit Angelika und Manuel, einem sympathischen Schweizer Pärchen lange beim Frühstück, gefolgt von einem intensiven Erfahrungsaustausch mit Ted, einem amerikanischen Reiseradler. Schließlich brauchte die Informationsrecherche vor unserem ersten Flug mit Fahrrädern etwas Zeit, sodass wir erst am Nachmittag die Fahrradkistensuche starten konnten, die länger dauerte als erhofft. Nachdem in unserer Cycle The World-What’sApp-Gruppe einst zahlreiche potentielle Fahrradgeschäfte zum Nachfragen vorgeschlagen wurden, malten wir uns eigentlich gute Chancen aus. Zwei davon lagen quasi in direkter Nachbarschaft. Doch es wurde eine unerwartete Odyssee. Wir tingelten von Geschäft zu Geschäft, um immer wieder abgewiesen zu werden, bis der erste, einer von vielen Extriemal-Shops, wenigstens eine Kiste erübrigen konnte. Gott sei Dank hatte uns ein anderer deutscher Reiseradler seine große Kiste im Sky Hostel hinterlassen. So kamen wir außerdem in den Genuss, von der sagenhaften Dachterrasse den Blick über Almaty schweifen zu lassen. Nun konnte das Geschleppe fünf Kilometer durch die Stadt beginnen. Da die Kiste aus dem Fahrradladen ein ganzes Stück kleiner war, konnten wir sie wenigstens ineinanderstecken. Handlich ist dennoch etwas anderes. Im Hostel aßen wir in netter Gesellschaft Abendbrot und verabschiedeten uns von Angelika und Manuel, die in aller Früh zum Flughafen mussten – das Schicksal, das alle ereilt, wenn sie von Almaty gen Europa fliegen. Zu einer humanen Uhrzeit haben wir niemanden starten erlebt…

Das Vorbereiten der Fahrräder für den Flug hat uns insgesamt einen ganzen Tag gekostet. Um uns selber einen Gefallen zu tun, stand erst einmal Putzen auf dem Programm. Unglaublich, wo der Sand überall gelandet ist! Da muss eigentlich ein Hochdruckreiniger ran… Dann folgten Demontage von Pedalen, Lenker, Rädern und Schutzblechen. Gar nicht so einfach, dieses sperrige Ding in eine Pappkiste zu bekommen. Beide Kisten staffierten wir dann noch mit Zelt, Klamotten, Isomatten und Schlafsäcken aus, die gleichzeitig noch etwas puffern sollten. Wie schwer und groß die Pakete jetzt waren, konnten wir nur grob schätzen. Dennoch entschieden wir uns dazu, das Sportgepäck vorher online anzumelden und zu bezahlen, da es darauf bei Ukraine International 50 % Rabatt gibt. Unser Hostel verlassen haben wir nur noch, um in dem Konsumtempel Dostyk Plaza, wo es uns die Salattheke angetan hatte, unser Abendbrot einzukaufen. Im Hostel ließ es sich dann aber auch ganz gut speisen, da man eigentlich immer interessante Gesellschaft um sich hat, die meisten davon natürlich Backpacker. Ted war mit uns der einzige Fahrradfahrer.

Was sich am Abend ankündigte, sollte sich dann für den kommenden Tag manifestieren: Regen, Regen, Regen. Unfassbar, solchen Dauerregen kannten wir seit Kapan in Armenien nicht mehr, wenn wir die Gewitterstürme am Song-Kul außen vorlassen. In unserem gemütlichen Wohnzimmer mit einem heißen Tee und einer Kuschelkatze auf dem Schoß ließ sich das jedoch äußerst gut aushalten. Während ich noch die letzten E-Mails mit der Airline hin und her schrieb, verklebte Klaus endgültig unsere zwei Monsterkisten. Nach aller Gemütlichkeit rafften wir uns in den Nachmittagsstunden auf, die Stadt zu erkunden. Der Himmel gönnte uns eine Regenpause und wir stapften auf Almatys Hausberg und zugleich Vergnügungs-Epizentrum Kok-Tobe, auf dem sich auch der höchst gelegene Fernsehturm der Welt befindet. Bei dem Wetter war hier oben absolut tote Hose und die Berge im Süden waren natürlich auch wolkenverhangen. Mit der Seilbahn ging es hinab, wir schauten auf die Wellblechdächer Almatys und begannen doch ganz schön zu frösteln. Also ging der nächste Weg in ein Café zum Aufwärmen und leckere Kalorien auf die Hüften schaufeln. Wir schlurften noch zur Vozniesienski Kathedrale, erhaschten die letzten Minuten des Gottesdienstes und hatten dann bei der feuchten Kühle keine Lust mehr. Auf dem Rückweg kamen wir am „Khachapuri“, einem georgischen Restaurant vorbei und dachten beim ersten Blick, die Schlange draußen stünde für einen Platz an. Stattdessen gab es an der Ecke noch eine kleine Puri-Backstation und alle wollten sich für das Wochenende mit den steinofengebackenen Köstlichkeiten ausstatten! Wir stellten uns trotz der unter die Kleidung kriechenden Kälte an. Auf einmal quatschte uns jemand von hinten unablässig auf Russisch zu. Wir baten ihn, auf Englisch zu reden und damit war der Ofen aus (also bei ihm, nicht beim Bäcker). Auf einmal begann eine Hasstirade gegen uns als Deutsche, als Touristen, als Menschen im Allgemeinen, denn er war etwas Besseres, ganz eindeutig. Gesammelte Zitate: „This is Kasakhstan, this is my country“, „Go home“, „This is not your country, you are only guests, don’t forget“, „We don’t want you here“ etc. Eine auf Argumenten basierende Diskussion war leider nicht möglich, das mussten wir bei dem auf Krawall gebürsteten Arschloch schnell feststellen. Dabei latschte er uns regelmäßig in die Hacken und bedrängte uns auch körperlich, worauf wir ihn mehrfach hinweisen mussten. Er war einfach eine besoffene, frustrierte, arrogante Oligarchen-Drecksau, an denen dieses Land krankt. Eine Dokumentation, die wir ein paar Tage zuvor gesehen hatten, hat uns darauf vorbereitet. Aber es live zu erleben, wie die anderen Bürger vor diesen machtbesessenen Unmenschen kuschen und den Mund nicht aufbekommen, ist nochmal ein anderes Paar Schuhe. Erst als wir mit warmem Puri in der Hand von dannen zogen, sprach uns ein Familienvater an. Ihm war die Situation hochgradig unangenehm und er entschuldigte sich für das Verhalten dieses Irren. Er wies uns darauf hin, dass man vor solchen Leuten aufpassen muss. Sein Angebot, uns zum Hostel zu fahren, schlugen wir dennoch aus und unser Bild von den Kasachen war mit seiner Zivilcourage „im Stillen“ auch wieder etwas zurechtgerückt. Dennoch fragt man sich, was das für eine Gesellschaft ist…

Im Hostel angekommen, war volles Haus, denn ein Sportverein mit lauter Teenagern hatte sich eingemietet und wurde hier im großen Stil verköstigt. Das war unser Glück, denn so fielen vom riesigen Topf Kartoffelsuppe auch noch zwei schmackhafte Schüsseln für uns ab. Unser Taxifahrer sollte nun doch schon halb 1 kommen und die Zeit bis dahin verging dank der vorzüglichen Unterhaltung durch einen polnischen Reisenden mittleren Alters wie im Fluge. Für den zentralasiatischen Raum untypisch stand der Kleinbus dann auch noch 10 Minuten früher bereit. Ausgerechnet Klaus, der sich sonst durch nichts aus der Ruhe bringen lässt, stellte nach ein paar Kilometern auf mein Nachfragen hin fest, dass er Handy samt Ladegerät im Hostel vergessen hatte. Also nochmal zurück durch die traurige verregnete Nacht. Aber dann konnte es wirklich beginnen, unser Ende, also Reiseende. Am Flughafen angekommen traf uns erst einmal der Schlag. Dass so viele Menschen mit uns in aller Früh oder besser noch mitten in der Nacht vor dem Check-in warten würden, hatten wir nicht gedacht. Durch all die kreuz und quer liegenden übernächtigten Menschen war es sogar eine regelrechte Herausforderung, überhaupt einen Sitzplatz zu ergattern.

Beim Check-in kam dann der Moment der Wahrheit: würden unsere Fahrradkisten im Rahmen der Gewichtsvorgaben liegen? Als die kleinere schon auf 28 kg kam, bestand für die große nicht mehr viel Hoffnung. 40 kg! Und damit Fracht. Neiiin, auf keinen Fall. Wir hatten uns mental schon darauf vorbereitet und durchgespielt, welche Dinge wir aus der Kiste nehmen würden. Alles Aussortierte packten wir in eine große Fahrradtasche, die wir dann wiederum als Extragepäck aufgeben und weitere 50 € blechen mussten. Als dieser Stress überwunden war und wir auf der Waage eine Punktlandung hingelegt hatten, war gar nicht mehr so viel Zeit übrig bis der Flieger starten sollte. Mit dem letzten Bus wurden wir zum Startgate gefahren. Aber so musste ich wenigstens nicht mehr Zeit als nötig in diesem Höllengerät sitzen, in dem ich mich selbst am Boden alles andere als wohl fühle. Doch ich sollte heute etwas rehabilitiert werden in meiner Flugangst. Der insgesamt siebenstündige Flug nach Kiew war regelrecht angenehm. Es war fast wie Zugfahren, ruhig, relativ leise, wir schliefen sogar die meiste Zeit. Zwischendurch wurden wir vom Frühstückswägelchen geweckt und für ein vollkommen unerwartetes Frühstück war es ganz passabel. Durch unsere Verspätung war schließlich auch die Wartezeit in Kiew gar nicht so lang und zäh wie befürchtet. Mit ukrainischen Bierdosen im Wert von je zwei Euro verging der Zwischenstopp „wie im Flug“, sodass wir erneut spät zum Boarding kamen und wieder mit dem letzten Bus zum Flieger kutschiert wurden. Diese Maschine war leider etwas schäbiger als die zuvor, jedoch sollten wir uns auch nur zwei Stunden darin aufhalten. Überpünktlich landeten wir nach geschmeidigem Flug in Prag. Als wir an einer langen Glasfront entlang liefen, konnten wir das Entladen des Flugzeuges beobachten und direkt unsere Fahrradkisten erkennen! Sie waren mit gelandet – was für ein erlösender Moment! Nun konnte der Heimradelei also nichts mehr im Weg stehen…