Die Landschaft hatte sich verändert in Kirgisistan… oder Kirgistan… oder Kirgisien – das Land mit den vielen Namen (zumindest in der deutschen Übersetzung). Den großen erbarmungslosen Bergen des Pamir war eine weite, sanfte Hochebene gewichen. Klischeehaft standen überall auf den Wiesen Jurten, drum herum allerlei Getier. Pferde, Schafe und Ziegen dienen den Nomadenfamilien als Versorgungsgrundlage. Einigen der Nomadenkinder bekommt die pralle Sommersonne auf ihre kleinen Köpfchen nur nicht so gut, sodass wir uns zahlreicher „Attacken“ erwehren mussten. Manche stellten sich in ihrem Geltungsbedürfnis einfach mal direkt vor’s Rad. Wir grüßen wirklich gern, grinsen jedem winkend unser „salam“ entgegen, doch das penetrante auf uns zu Gerenne und um jeden Preis antatschen wollen ging uns schlicht weg zu weit. Das Motiv ist jedoch nicht nur Neugier, sondern Betteln – eine trotz der Armut der bisher durchfahrenen Länder neue Situation. Was uns jedoch wirklich erschütterte, waren die teilweise rotzfrechen Reaktionen, wenn man nicht anhielt. Stinkefinger oder das Beschmeißen mit Steinen waren nicht unüblich… Dass die Tiere der Nomaden alle Freiheiten haben, finden wir wunderbar, aber dass die Kinder scheinbar kaum Erziehung, zumindest nicht im Umgang mit Fremden, genießen, war für uns eine schockierende Erfahrung und bis dato auch nicht mit den „hello“-schreienden Kindern Tadschikistans vergleichbar. Beim nachträglichen Lesen anderer Blogs konnten wir uns nur damit trösten, dass es allen Radreisenden in der Nomadensaison so zu gehen scheint…

Ein weiterer Dämpfer war der nach wie vor aufbrausende Gegensturm aus Norden. Obwohl die Strecke freie Fahrt hergegeben hätte, mussten wir ganz schön kämpfen, um Sary Tash zu erreichen. Zunächst wollten wir an der Tankstelle ein paar Somoni gegen kirgisische Som tauschen (ja, schon wieder Som, aber andere als in Usbekistan), da quatschte uns unentwegt ein Opa zu, dass wir mit ins Guesthouse „Tatina“ kommen sollten. Einem Mantra gleich lallte er unentwegt „dinner, breakfast, hot shower, Wifi“. Hm, na gut, es lag nur quer über die Straße, also gaben wir ihm eine Chance. Als ich das kalte Zimmer in Augenschein nahm und fragte, ob es noch hoch geheizt würde, bejahte die Guesthouse-Mutti (die sehr wohl einigermaßen Englisch konnte). Da auch schon andere Touristen im Gastraum saßen, sagten wir zu. Noch ahnten wir nichts vom Plumpsklo, in dem Zeitungs- statt Toilettenpapier auslag und dem hundekalten Duschkabuff neben der Garage, in dem man sich unter einen elektrisch beheizten Kanister stellen musste. Nach einem Duschgang war das Wasser leer und der nächste musste eine halbe Stunde warten, um duschen zu können. In der Zwischenzeit waren wir auf sechs Schlafgäste angewachsen und da ist das natürlich nicht feierlich. Wobei die anderen vier Motorcyclisten waren und damit sicher weniger mufften als wir. Das Abendessen, welches als „typical Kirgyz“ angepriesen wurde, bestand aus der sagenhaften Mischung von Kartoffeln, Nudeln und Spiegelei. Es war nicht nur kalt, sondern auch ungewürzt und wir fühlten uns doch alle irgendwie veräppelt. Geheizt wurde selbstverständlich den ganzen Abend nicht, die Tochter deutete uns nur auf die Reservedecken, die in unserem Zimmer lagen. Ja danke. Dabei war sie anscheinend gar nicht so blöd, wollte sie doch im September ihr Zuhause verlassen, um in China zu studieren…  Um 9 hieß es dann, wir müssten alle auf unsere Zimmer gehen, weil der Opa jetzt im Gemeinschaftsraum schläft – nur leider war es das einzige nicht all zu frostige Zimmer und wir waren mittlerweile eigentlich in netten Gesprächen vertieft. Die vier Motorradfahrer waren durch den Wakhan-Korridor gefahren und konnten rückblickend nicht nachempfinden, warum alle dermaßen davon schwärmten. Es scheint fast so, als müsste man einfach den Wakhan super toll finden, wenn man sich schon diese verdammte Schinderei angetan hat. Denn wer gesteht sich schon gern ein, einen strapazenreichen Umweg am Ende umsonst gefahren zu sein…

Das Frühstück am Morgen war wie gewohnt: Spiegeleier, Brot, Tee, etwas Kompott. Die zwei französischen Motorradfahrer, die schon am Abend die Eier auf ihren Teller gelassen hatten, waren beim Anblick sofort bedient und schoben uns ihre Teller zu. Recht schnell saßen sie auf ihren fahrbaren Untersätzen, während wir noch das Doppelfrühstück in uns hinein schaufelten. Als wir dann zwei Stunden später endlich startklar waren, lugten auch die beiden sympathischen tschechischen Motorradfahrer aus dem Haus. Was aus ihrer Suche nach der Gastgeberin und damit ihrem Frühstück wurde, wissen wir nicht. An ihrer Stelle hätten wir die Gunst der Stunde einfach genutzt und wären abgehauen. Immerhin hatten sie den unverschämt hohen Preis von umgerechnet 15 Dollar pro Person noch nicht bezahlt…

Satt und munter strampelten wir fleißig zwei 3000er-Pässen entgegen. Am ersten prangte bereits ein Aufkleber der Strampeltiere, der zweite war weitaus weniger Sticker-beliebt, obwohl höher. Hier bettelten uns drei Kinder um „Cookies“ an, die abgestellt waren, Milch in alten Limonadenflaschen zu verkaufen. Eigentlich gilt Tadschikistan ja als das ärmste der zentralasiatischen Länder, aber dort wurden wir eigentlich nie um Almosen gebeten… Aber vielleicht war es auch kein Zeichen von Armut, sondern nur von tierischer Langeweile und dem typischen Kinderappetit auf Süßes.

Von nun an ging es geschmeidig bergab auf bestem Asphalt über viele Serpentinen. Gut, diese waren meist mit Platten ausgelegt, aber wenn man den Pamir hinter sich gebracht hat, kommt einem auch das wie Butter vor. Je tiefer wir kamen, umso wärmer und grüner wurde es. Wir folgten einem Fluss, der einen regelrechten Canyon in die Landschaft gefressen hatte und konnten atemberaubende Blicke auf die rötlichen gefärbten Berge und Felsen genießen. Der Gegenwind erwischte uns leider auch hier und griff besonders hinterhältig an, wenn wir mal wieder einen der steilen Stiche bewältigen mussten. Ja, auch wenn man tausende Meter bergab fährt, stellen sich fiese Buckel in den Weg – Mutter Natur ist manchmal unerbittlich. Bei einer Rast an einer der spärlichen Wasserquellen war ich so clever, unseren Honig auszupacken und wurde mit Wespenstich Nummer Zwei bestraft. Dieses Mal war die Wespe netter und erwischte nur den rechten Oberarm – eine Stelle, die man beim Radfahren noch ganz gut verkraften kann. Mittlerweile erfahren beherzigte ich den Tipp mit dem Erhitzen der Einstichstelle. Also Taschenmesser über’s Feuerzeug gehalten und die heiße Klinge mutig auf die Haut gedrückt. Autsch! Aber das Zähne Zusammenbeißen hat sich gelohnt. Für meine Verhältnisse ist die Stelle weitaus weniger angeschwollen als normal und bis auf 2-3 Tage des üblichen Brennjuckens hatte sich die Stelle nicht sonderlich bemerkbar gemacht. Kein unsäglich brennender und juckender Fleischbatzen, der bis zum Siedepunkt feuert und stetig nach Kühlung schreit…

Das weite Tal verengte sich bald zu einer Schlucht. Dennoch fanden wir eine hervorragende Wiesenfläche oberhalb der Straße und konnten uns bei einem kühlen Bier, welches wir vorher in einem der zwei Magasins erstanden hatten (im ersten gab es keins und die Frau reagierte auf unser Herkunftsland mit „Heil Hitler“) auf unsere Ankunft in Osh und der damit verbundenen Verschnaufpause vorfreuen.

Doch zunächst warf sich uns noch ein ziemlich übler Pass in den Weg. Mit seinen knapp 2.400 Höhenmetern neigt man als frisch gebackener Pamir-Bezwinger dazu, den Chyiyrchyk-Pass (ein sagenhafter Name) bei der Streckenplanung beinahe wegzulächeln. Ein kleiner Hügel sozusagen. Doch weit gefehlt, wenn der Körper gerade in die andere Richtung akklimatisieren muss: wir waren binnen kürzester Zeit von stetig um die 4000 Höhenmeter auf nur knapp 1000 gesunken und zudem innerhalb von 48 Stunden vom Winter in den Sommer gefahren. Der bis 13 Uhr währende Anstieg sollte uns lehren, diese Faktoren nie wieder zu vernachlässigen. Es ging steil und immer steiler bergauf und bei der ersten kurzen Pause nach konstantem Fahren (wir können ja ruhig mal wieder durchfahren, wa?) wurde ich geläutert. Mir wurde schlecht und schwindelig, sodass erst mal eine Ruhepause im Straßengraben notwendig war. Als sich ein paar Kurven weiter der Anblick auf das vor uns liegende Serpentinenmonster eröffnete, erbat ich noch eine Pause im Schatten einer Bushaltestelle. Ein altes Mütterchen setzte sich zu uns, kramte im Beutel und hielt uns schließlich ein Brot hin. Zwar pfiffen wir ressourcentechnisch auf dem letzten Loch, doch wir wollten so kurz vor Osh der Frau nicht ihr Essen abspenstig machen. Da hielt auch schon ein voll gepacktes Familienauto und das Mütterchen übergab der Bande das Brot und Süßigkeiten. Geschwind war das Auto weiter Richtung Pass gebraust und das Mütterchen wackelte wieder heim mit den Worten „moj dum“ und zeigte einen Hügel hinauf. Wir wussten auch nicht so recht, ob das eine Einladung sein sollte, aber wir mussten eh weiter und endlich den verflixten Berg in Angriff nehmen. Nach zähem Kampf waren wir oben, legten ein Snickers-Päuschen ein, wollten aber nicht mehr viel Zeit verlieren. Der Luxus der Zivilisation rief! Natürlich waren auch die folgenden 60 km, die primär bergab gehen sollten, kein Zuckerschlecken. Der Sturm blies abermals heftig entgegen und Kinder warfen sich wieder halb vors Fahrrad mit dem inniglichen Wunsch, abgeklatscht zu werden. An einer Bushaltestelle entdeckten wir auf einmal Marc und Peter, die uns eigentlich einen Tag voraus waren. Das hat uns selber ziemlich überrascht, während die beiden in einer Seelenruhe da hockten und in die Ferne starrten. Nach einem kurzen Plausch sausten wir weiter, wir wussten ja, dass wir uns im selben Guesthouse wieder treffen würden.

Es waren noch 30 km bis Osh, der Magen fing langsam an zu knurren, doch wir waren auf einmal wie der Sausewind unterwegs. Klantje-Express in Hochform sozusagen. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h brausten wir der Stadt entgegen. Bei der Navigation habe ich dann leider komplett versagt, denn ich lotste uns fälschlicherweise ins Osh Guesthouse, einen hässlichen Plattenbau. Das TES Guesthouse lag noch einmal 5 km entfernt. Also wieder rein ins nervige Stadtgewimmel. Schließlich machten uns noch ein paar Straßensperrungen im Zuge des Unabhängigkeitstages sowie komplizierte Zugänge zum TES (Treppen!!) das Leben schwer. Nach allen Irrungen und Wirrungen die nächste Ernüchterung: es war kein Zimmer frei, wir mussten wieder zelten. Dabei hatte ich mich nach den Rückenschmerzen der letzten Nacht so sehr auf ein Bett gefreut… Eine halbe Stunde nach uns trudelten Marc und Peter ein. Daneben trafen wir auch andere bekannte Gesichter, so z.B. unseren Iren Ciaran, den wir kurz vor Roshan getroffen hatten oder auch unsere belgische Bekanntschaft vom Ak Baital-Pass. Überraschenderweise war auch das schwedische Pärchen noch hier, die sich von Murghab aus per Taxi haben nach Osh bringen lassen. Das Warten auf ihre Reisepässe samt China-Visum zwang sie nun schon seit einer Woche zur Pause und noch war wegen der Feiertage kein Ende in Sicht. Wir waren jedoch beinahe neidisch auf diese unfreiwillige Entschleunigung, fühlten wir uns bei sechs Monaten Reise, so komfortabel das auch klingt, doch ständig unter Zeitdruck. Tatsächlich ist es mit der geplanten Distanz nichts zum „einfach mal laufen lassen“ oder „in den Tag hinein leben“. Dabei wäre Osh und das TES Guesthouse ein Ort gewesen, wo wir uns gut und gerne eine Woche Aufenthalt hätten vorstellen können…

Gemeinsam mit Marc, Peter und den anderen Cyclisten belohnten wir uns im Guesthouse mit einer maßlosen Fast Food Bestellung und kühlem Bier – es war eine Wonne. Der Schlaf reichte gerade so zum Verdauen, um sich am Morgen auf das viel gelobte TES Frühstücksbüffet zu stürzen. Es war zwar nicht das Beste der Reise, aber nach den vielen Homestay-Frühstücken, die nur aus Spiegeleiern oder Milchreis bestanden, war es delikat. Der Kaffee-Vollautomat verleitete nach allem „chai“ zu einer Überdosis. Die Kaffeetrinker unter unseren Lesern wissen natürlich, dass man sich eigentlich nicht mehr gut fühlt, wenn man bereits den dritten Becher Kaffee in sich hinein kippt. Aber man macht es eben, einfach weil man es KANN. Was wir auch konnten an unseren zwei Ruhetagen in Osh, war neben essen, also viel essen: Blog pflegen, auf dem Basar bummeln, im benachbarten Freibad Bahnen ziehen und mit Marc und Peter einige alkoholische Getränke, Käffchen u.v.m. genießen. Das Timing hätte wirklich besser nicht sein können, denn wir reisten auch zum gleichen Tag ab. Die beiden nahmen das Taxi nach Bishkek, wo ihr Flieger in Richtung Heimat ging und wir überbrückten das Stück M41 bis Jalal-Abad.

Von hier aus starteten wir in der großen Mittagshitze unseren Weg Richtung Kaldama-Pass (3062 m), der uns mehr herausfordern sollte als wir zuvor glauben wollten. Nach dem letzten Dorf hörte der Asphalt nämlich ein für alle Mal auf und der Untergrund sollte nun wechseln zwischen mal mehr mal weniger losem Geröll, Sand, und beides manchmal kombiniert mit der altbekannten Wellblechstruktur. Vor allem bergauf rutscht man so gefühlt die Hälfte schon wieder zurück, die Tritte scheinen ins Leere zu gehen. Kräfte- und Nerven-zehrend! Wir bauten das Zelt am Wegesrand auf, zahlreiche Pferde- und Kuhherden warfen uns beim „Nach-Hause-Weg“ einen irritierten Blick zu, die jeweiligen Hirten grüßten uns freundlich. Kaum vorstellbar, dass genau hier die Autoren von ride-worldwide.com beklaut wurden. Uns ließ diese Geschichte im Hinterkopf natürlich auch nicht so entspannt schlafen wie sonst.

Doch am nächsten Morgen war alles noch da und mit immer noch vollen Taschen nahmen wir den Pass in Angriff. Aber eben auch nur in Angriff, denn das Geschlängel mit Auf und Ab durch’s Flusstal war endlos. Noch dazu gab es unterwegs einen netten Wasser-Auffüll-Stopp, bei dem uns ein kirgisischer Autofahrer zwei Äpfel schenkte und bald darauf kam es zu einem holländisch-amerikanisch-deutschen Radlertreffen. Zu sechst blockierten wir die Schotterstraße. Mit der Ankündigung baldigen Asphalts für die vier entgegen Kommenden lösten wir regelrechten Freudentaumel aus. Wir schafften noch etliche Serpentinen auf dem steilen Weg nach oben, hatten jedoch unsere Mühe am steilen Hang eine geeignete Zeltstelle ausfindig zu machen. Dann endlich, nachdem Klaus mich die ganze Zeit voll genölt hat („Ich hab ja gesagt, wir sollen im Flusstal zelten“), ein einigermaßen brauchbares Wiesenstück und in Wurfweite sogar eine Jurte. Das war es natürlich dann auch mit der Ruhe, wobei die Menschen, die uns besuchten, super nett und freundlich waren. Einer von ihnen kam vom Nachbarberg und „sprach“ eine wahrlich interessante Sprache. Eigentlich bestand sie gar nicht wirklich aus Silben, sondern verschiedenen Tönen und Tonlagen. Bei uns zuhause hätte man gedacht, der Mensch ist balla balla, aber für uns war es spannend, diese Art der Kommunikation zu hören. Der zweite Mann konnte ihn eindeutig verstehen und übersetzte einiges ins Russische. Die basale Kommunikation bekamen wir so immer ganz gut hin, aber ansonsten haben unsere Russischkenntnisse leider keine Sprünge gemacht, um richtige Unterhaltungen zu führen…

Nach einem leckeren Paprikarisotto schliefen wir ein, neben uns ein Eselpaar, das uns auch am nächsten Morgen begrüßte. Zum Abschied gab es von unseren lieben Nomaden noch eine Handvoll getrockneter Joghurt-Kugeln, die sog. „Kurt“. Der Name gefällt uns natürlich sehr, auch wenn unser Kurt nur kleine braune Kügelchen zustande bringt. Im Trockenheitsgrad stehen sie sich jedoch in Nichts nach. Genießbar sind sie also am besten in einer schönen Nudelsoße, weniger zum meist nach mehren Tagen in der Fahrradtasche trockenen Brot. Nun hieß es also Ranklotzen, hatten wir uns doch als Tagesziel Kazarman erkoren. Beim Treffen mit einem japanischen Reiseradler setzte urplötzlich ein heftiger Regenschauer ein und war ebenso schnell wieder vorbei. Den höchsten Punkt des Passes konnten wir dann nur mäßig genießen, da der Wind einfach zu frostig um die Nase blies. Also nichts wie runter. Nach einigen Kehren hockten da schon wieder drei französische Reiseradler am Wegesrand und genossen ihre Mittagspause. Sie kündigten uns zwar einen deutschen Radler hinter ihnen an, aber dass wir Frank nach nur einer Kurve begegnen würden und dass er obendrein aus Dresden kam, war dann doch eine große Überraschung. Mit ihm tauschten wir uns natürlich gerne lange aus, zumal er schon die meisten Strecken Kirgistans erradelt hatte, die noch auf unserem Plan standen. Er nahm uns sogleich den Wind aus den Segeln, was das Tagesziel Kazarman betraf und er sollte bitterlich Recht behalten. Andererseits gut, dass wir es schon weit oben wussten, denn so konnten wir den grauenhaften Belag mit etwas mehr Gelassenheit nehmen, da wir nun eh schon auf eine weitere Zeltnacht eingestellt waren. In einem Flusstal unweit einer Jurtengruppe nahmen wir Platz und ließen mal wieder einige Pferderudel samt Reitern an uns vorbeiziehen. Im „Kirgistan-Feeling“ anzukommen fällt einem auf diese Weise nicht schwer.

Obwohl wir uns jeden Abend auf’s Neue vornahmen, den wieder eingezogenen Frühstücksmüßiggang, den wir Hitze-bedingt eigentlich seit dem Iran nicht mehr kannten, etwas einzudämmen und wieder zeitiger auf den Satteln zu sitzen, schafften wir das eigentlich nie. Die Sonne stieg mittlerweile zu spät auf und auch wenn die Abende noch ganz angenehm waren, so waren die Morgende feucht-kühl, sodass man sich lieber noch dreimal im Schlafsack umdrehte und anschließend das Kaffee-, Tee- und Porridge-Kochprozedere ausgiebig genoss. So auch an dem Morgen, an dem wir uns vorgenommen hatten, doch wirklich so zeitig wie möglich in Kazarman einzurollen, um uns einen halben Ruhetag zu verschaffen. Im ersten Dorf seit gefühlt einer Ewigkeit mussten wir aber im erstbesten Magasin anhalten, um uns mit Limo und Eis aufzufrischen – die Sonne brutzelte mittlerweile wieder erbarmungslos. Eine Lehrerin kam vorbei und führte einen kurzen netten Plausch mit uns und wollte uns schließlich noch zu sich nach Hause einladen. Vernünftig wie wir sind, lehnten wir höflich ab, auch wenn wir dieser hübschen Dame gerne glaubten, dass sie ein mindestens ebenso hübsches Heim hat. Bei ihrer Schlankheit konnte sie aber keine gute Köchin sein ? Gerade als wir aufbruchsbereit waren, kamen Tim und Tom angeradelt – ja, die heißen wirklich so. Zwei nette amerikanische Reiseradler. Es war sogar so nett, dass wir schließlich auch noch über die Länge ihrer Eispause blieben. Sie machten uns Hoffnung auf baldigen frischen Asphalt, jedoch war die Beschreibung „after the next bump“ etwas ungenau. Erst nach dem zweiten steilen Stich konnten wir uns über die von den Chinesen niedergewalzte neue Straße freuen und beschwingt nach Kazarman radeln.

Nach leichten Orientierungsproblemen fanden wir auch das Bed & Breakfast, wo die meisten Radler zuvor bereits abgestiegen waren. Angesichts der überraschenden Faktoren eines Fernsehers, WiFi und eines im Haus befindlichen Badezimmers (wobei die alte sympathische Solarduschenkonstruktion immer noch im Garten stand) fanden wir den Preis von 700 Som pro Person angemessen. Ausgiebig wuschen wir uns den Dreck vom Körper, denn die maroden Straßen führten leider auch dazu, dass jedes Auto, egal wie schnell oder langsam es vorbeifuhr, eine immense Staubwolke hinterließ, die sich auf jede unserer Poren legte. Entsprechend sah auch das Wasser in der Waschschüssel aus, in der wir versuchten, unsere Kleidung halbwegs sauber zu bekommen. Am Abend gingen wir auf Beutezug, streiften von Magasin zu Magasin, um für die nächste Etappe das Notwendigste aufzutreiben. Zu Klaus‘ Freude fanden wir sogar einen Laden mit immensen Trockenaprikosenvorräten. Zugegeben, man könnte schlimmeren Lastern verfallen. In einem sog. „Kafe“ (wobei es überall nur Tee gibt), ließen wir uns zum Abendessen nieder und hatten die Wahl zwischen drei Gerichten, wobei die Chorpa von vornherein ausfiel, als ich die dicken ekelhaften Fleisch-Knochen-Batzen im Kessel schwimmen sah. Ich durfte nämlich in Ermangelung einer Speisekarte und Englischkenntnissen mit in die Küche, um die Gerichte auszuwählen. Insgesamt waren Plov und das Paprika-Kartoffel-Fleischgericht zwar lecker, aber wie immer zu fettig, sodass wir im Hinblick auf unsere Verdauung schon wieder Böses ahnten.

Zum Frühstück, das obligatorisch eine halbe Stunde später serviert wird als man es am Tag zuvor vereinbart hat, gab es die ebenfalls obligatorischen Spiegeleier. Aufgetischt wurde dieses Mal in einer Jurte, was das Erlebnis aber nicht wirklich erhebender machte. Nach erfolgloser Bananensuche im Ort konnte das Geholper fortgesetzt werden. Die Ebene war durch das Waschbrett genauso schlimm wie der Anstieg, der wiederum in einer Kombination aus losem Geröll und fieser Steilheit an den Kräften zehrte. Dennoch kamen wir 50 km weit und 1000 m hoch, mehr als wir zu Tagesbeginn erhofften. Am Ende hielt sogar noch ein Minibus und zwei nette Frauen boten uns an, uns kostenlos mit nach Naryn zu nehmen. Der innere Schweinehund sabbert bei so einer Offerte, aber unser Sportsgeist war größer. Noch dazu hatten wir uns gerade richtig auf den Zeltabend gefreut, da wir völlig unverhofft in Kazarman eine Flasche Kindzmarauli erstanden hatten, unseren Lieblingswein aus Georgien. Leider war das Gelände etwas undankbar. Das Gras war entweder kniehoch oder schön von Kühen abgestoppelt, was bei der Trockenheit einer Zeltakupunktur gleich kam. Klaus musste den Zeltboden erst einmal mit dem Gummihammer bearbeiten, bevor wir darauf Plane und Innenzelt ausbreiten konnten – sonst hätte es uns alles durchstochen. Tja ja, kontinentale Sommer sind heiß und trocken…

Am Abend wie auch am Morgen streiften die Kühe umher, kackten alles zu und vor allem die Kälber boten einen ulkigen Anblick. Noch nie zuvor haben wir Kuhkinder so erquickt durch die Gegend hoppeln sehen. Nach intensiver Kettenpflege begaben wir uns wieder auf die hügelige Spur, die ihr jähes Ende fand, als Klaus beim auf mich Warten feststellte, dass sich eine Schraube bei seiner hinteren Ortlieb-Tasche gelöst hatte und damit die komplette Halterungsschiene aus der Verankerung gelöst war. In einer langwierigen Reparaturaktion konnten wir das Problem zwar beheben, jedoch blieb ein ungutes Gefühl und vor allem der Gedanke: war das jetzt ein Ohmen? Hätten wir doch die Transportmöglichkeit am Vorabend nutzen sollen? Mit dieser inneren Verunsicherung radelten wir also weiter, als wie bestellt ein weißer Mercedes-Transporter hielt, ein Mann ausstieg und uns andeutete, wir sollten aufspringen. Hm, wenn wir ihn jetzt fahren ließen, würden wir uns das wahrscheinlich im Leben nicht verzeihen, erst recht nicht, wenn auf dem Weg zum Pass noch irgendein technischer Defekt eintreten sollte. Nach kurzem Verhandeln über den Preis – ja, die zwei Fahrer waren nicht ganz so großzügig wie die Damen am Vorabend – verluden wir die Räder und konnten äußerst bequem auf einer nachträglich eingebauten Sitzreihe Platz nehmen. In den Kehren versuchten die beiden noch drei weitere Radler aufzugabeln, die aber härter im Nehmen waren als wir. Oder auch einfach mehr Zeit hatten. Denn obwohl wir bis zu unserem Abflugtag in Almaty zwar eigentlich ausreichend hätten Tage haben müssen, so beschlich einen doch oft der Gedanke, dass man nicht zu viel Zeit auf diesem Murks von Straßen liegen lassen sollte. Außerdem war zu diesem Zeitpunkt der grandiose Plan geboren, an Klaus‘ Geburtstag einen Ruhetag am Song-Kul einzulegen. Denn eigentlich wollten wir diesen Tag nicht mit dem üblichen Geningel verbringen. Wohl gemerkt: ich ningel aufgrund der Wegverhältnisse, davon ist Klaus genervt und ich bin genervt, weil Klaus schlechte Laune hat. Zwei Stinkstiefel auf vier Rädern sozusagen.

In Ak-Tal angekommen, wollten wir zum CBT-Homestay. Der Community Based Tourism ist eigentlich ein vertrauenswürdiges Netzwerk und doch war unser Kontakt nach langer Suche ein recht seltsamer. Von außen war nichts zu erkennen, wir fragten uns durch, wurden zu einem Haus geführt. Der Mann konnte nur Russisch, sagte uns, dass die Übernachtung mit Frühstück für uns 1200 Som kosten würde, zeigte Schlaf- und Badezimmer, erklärte aber im selben Zug, dass er jetzt zum Song-Kul fahren und uns folglich nicht beherbergen könnte – außer dort im Jurt-Camp, wenn wir jetzt mit auf den Transporter aufspringen würden. Zumindest haben wir das so verstanden. Die Alternative bei seinen Nachbarn war nicht wirklich einladend und da uns das Dorf eh schon seltsam vorkam, entschieden wir uns, lieber noch ein Stück zu radeln und im Umland das Zelt aufzubauen. Am Ortsausgang besuchten wir einen angesichts der Unfreundlichkeit des Dorfes, in denen Kinder uns Steine hinterhergeworfen hatten, unfassbar sympathischen Shop. Die junge Frau war sichtlich bemüht, Fremdsprachen zu lernen und obwohl das Lädchen erst nicht viel herzugeben schien, wurde alles für uns herbeigebracht. Äpfel, Tomaten, Gurken und Möhren wurden aus dem eigenen Haus geholt und das Brot brauchte noch 30 Minuten im Ofen. Was? Frisch gebackenes Brot? Das hatten wir gefühlt schon eine Ewigkeit nicht mehr und da es mittlerweile Nachmittag war und wir schon wieder hungrig waren, legten wir hier also eine verspätete Mittagsrast ein. Die Gute meinte sogar, dass sie auch warmes Essen im Angebot hätte, doch angesichts der Ressourcen, das wir durch die Gegend fuhren, nahmen wir mit einer Brotzeit Vorlieb. Immerhin wollten wir ja auch bald Zelt aufschlagen und kochen. Bei dem vorzüglichen Brotduft, der uns entgegen wabberte, bereuten wir diesen Entschluss schon beinahe, denn wenn das Essen nur annähernd so gut war wie das Brot… Aber wir wischten den Gedanken weg, schwangen uns mit der heißen Ware auf die Räder und fuhren noch sagenhafte fünf Kilometer, bis wir auf einem Blumenfeld am Bach das Zelt aufschlugen. Bis auf brutale Mückenattacken war der Platz perfekt.

Der Weg zu einem weiteren Pass hätte wunderbarer kaum sein können. Na gut, mit Asphalt wäre er phänomenal gewesen, aber darauf wagten wir ja schon längst nicht mehr zu hoffen. Dennoch ließ sich der Schotterweg auf dieser Tagesetappe bis auf wenige ekelhafte Geröll- und Waschbrett-Abschnitte recht geschmeidig fahren und wir konnten die Natur und Gebirgslandschaft um uns herum genießen. Als sich das Tal verengte, glaubten wir auf einmal in den Karpaten zu sein, so hatten sich die Berge gewandelt. Wir waren plötzlich umgeben von Nadelbäumen. Hätten wir nicht noch den Ehrgeiz gehabt, auf den Pass zu radeln, so wäre diese Schlucht der perfekte Ort zum Übernachten gewesen. Stattdessen wanden wir uns jedoch in endlosen Serpentinen, für die wir sehr dankbar waren, hinauf auf den Moldo Ashuu-Pass (3346 m). Dabei ließen wir es auch bewenden und errichteten unser Nachtlager. Die Höhe sollten wir kältetechnisch noch bitter zu spüren bekommen. Jetzt war wieder einmummeln angesagt!

Den Morgen ließen wir äußerst entspannt angehen, da unser Tagesziel, der Song-Kul nur knapp 12 km entfernt lag. An zahlreichen Jurten rollten wir hinab, um … NOCH mehr Jurten vorzufinden. Aber keine dem Originalzweck gewidmeten, sondern ein touristisch ausgelegtes Jurtcamp nach dem anderen, um dem Kirgistan-Urlauber das „real nomadic life“ quasi hautnah zu bringen. Sicher wird keiner von ihnen früh um 5 aufstehen, um sich um die Tiere zu kümmern, zu melken, Brot zu backen, Butter und Kurt zu machen etc., aber Hauptsache man hat in einer Jurte geschlafen. Ist natürlich immer noch besser, als das Seeufer mit richtigen Betonbauten zuzukleistern. Im ersten Camp, das uns Frank empfohlen hatte, fragten wir nach dem Magasin, das es ebenfalls irgendwo am Weg geben sollte. Man versuchte uns natürlich zum Bleiben zu überreden. Doch noch hatten wir keine Ahnung von dem baldigen Wetterumschwung und wollten im Sonnenschein gerne unser eigenes Zeltlager errichten. Immerhin hatten wir ja unsere eigene Solardusche dabei und kochen können wir, mit Verlaub, eh besser. Zumindest konnte uns noch kein Homestay/Guesthouse in Zentralasien irgendetwas kredenzen, was uns irgendwie besser geschmeckt hätte, als das, was wir uns mit unseren bescheidenen Mitteln der Campingküche zubereiten. Während der 3 km zum Magasin, auf denen ich bei nochmaligem Nachfragen bei ein paar „richtigen“ Nomaden auch noch eine Einladung zu „sto gramm“ abwehren musste (i.e. 100 Gramm Wodka – ja, man misst ihn in Gramm), brauten sich plötzlich Gewitter zusammen und wir waren uns gar nicht mehr so sicher, was jetzt das Beste ist. Erst einmal deckten wir uns bei dem netten Mädchen aber mit haus-, äh, jurten-gebackenem Brot, frisch gemolkener Milch, Gemüse (wovon es erstaunlich viel gab) und Nudeln ein. Ach ja, und Bier. Wir wollten ja jetzt einen richtigen Entspannungstag verbringen. Kurz hinter dem Magasin in Richtung See beschlossen wir, das Zelt zu errichten, immerhin schien mittlerweile wieder die Sonne. Kaum waren wir dann von einer Wasserholaktion am See zurückgekehrt, änderte sich das Wetter jedoch schlagartig. Es stürmte, gewitterte und regnete den gesamten Nachmittag über, den wir uns im Zelt gemütlich machten. Das war zwar total gemütlich, jedoch hatten Franks Bade-Berichte dezent andere Hoffnungen an unseren Aufenthalt am See geweckt. Es war vielleicht 9 oder 10 Tage her, dass hier Sommer war.

Am Abend kam die Sonne wieder hervor und direkt vor unserem Zelt spielte sich ein nettes Touri-Spektakel namens „Ulak Tartyš“ ab. Ein Kleinbus mit Urlaubern wurde ausgespuckt und eine Schar Reiter samt Hunden versammelte sich. Nun wurden zwei Teams gebildet, die jeweils versuchten, ein Schafsfell auf die gegenüberliegende Seite ins Tor, was da ein Reifenstapel war, zu bugsieren, wobei die Hunde die Hunde nicht nur Beiwerk waren, sondern ordentlich in dem Reiterauflauf mitmischten. Kirgisisches Polo sozusagen. Ich hüpfte nochmal kurz zum Magasin, in der Hoffnung, irgendetwas Neckisches für Klaus‘ Geburtstag zu ergattern. Dabei durfte ich mit in die „Wohn-Jurte“ zum Butter abfüllen und bekam gleich noch eine Kostprobe der super leckeren Plinsen/Blini oder wie auch immer man sie nennen mag. Sowas könnte man eigentlich auch mal mit dem Campingkocher probieren… Beim Zähne putzen galoppierte eine furzende Pferdeherde an uns vorbei. Wir gaben zumindest jeder den Pferden die Schuld. Nein, wirklich, die Folgen unseres Linsengerichtes setzten tatsächlich erst später ein. Als ich das knatternde Pferd hörte und losprusten musste, wurde mir bewusst, dass ich zuletzt 1998 (!) ein Pferd furzen hörte. Mein Vater erzählt die Geschichte heute noch gern. Damals auf der Turracher Höhe… Danach bereiteten wir uns auf eine erneute, äußerst frostige Zeltnacht vor. Das Schlimmste war allerdings weniger die Kälte, sondern dass der Wind gedreht hatte und unser Tunnelzelt somit alles andere als optimal ausgerichtet war. Das war nicht nur schlecht für’s Gestänge. Auch unser Schlaf litt unter dem lauten Rütteln gepaart mit prasselndem Regen/Graupel sowie erneuten Gewittern.

Nun war er angebrochen, Klaus‘ Geburtstagsmorgen und entgegen aller Hoffnungen hielt der Regen an. Was nun? Im Regen weiterfahren? Hier bleiben und weiter frieren? Nur das Zelt abbauen und ab ins trockene, warme Jurtcamp? Wir entschieden uns für ersteres und hatten erstaunliches Glück. Während wir ausnahmsweise gemütlich im Zelt frühstückten (schönes Gekrümel gibt das im Innenzelt), beruhigte sich das Wetter allmählich. So konnten wir eigentlich alles halbwegs trocken einpacken und als wir uns auf die Räder schwangen, waren wir überrascht, dass es erst halb 11 war. Da ging doch noch was! Erst führte der Weg recht angenehm am See entlang. Nicht zu viel Waschbrett, nur etwas Kies, man konnte gut rollen. Mit dem Abzweig auf die „Nordroute“, die in unserem Reiseführer von 2010 noch als die bessere Alternative bezeichnet wurde, war jedoch Schluss mit lustig. Waschbrett ohne Ende. Auch der Weg auf den Pass hinauf war viel anstrengender als erwartet, wo wir doch nur 400 m klettern sollten. Ohne Kurven, geradeaus und steil, kann aber selbst eine geringe Höhendifferenz zu kurzfristiger Atemnot führen. Dazu noch ein peitschender Graupelschauer… Ja, der Sturm, die Kälte und die finsteren Wolken – sie alle wollten uns nicht so recht verlassen. Entsprechend kurz viel unser Aufenthalt auf dem Pass aus, auf dem es sogar ein öffentliches Plumpsklo gab – wie bereits auf dem letzten Pass. Anscheinend ist es den Kirgisen wichtig, dass ihre Gebirgspässe nicht zugeschissen werden.

Nach der eiskalten und steilen Abfahrt fanden wir an einem Gebirgsbach eine idyllische Zeltstelle und ab und an blinzelte sogar noch die Abendsonne für uns. Gerade als wir im Aufbau- und Installationswahn waren, trauten wir unseren Augen kaum. Auf einmal schlurften da Kamele über den Weg! Die ersten seit Turkmenistan. Ist denen nicht kalt?? Andererseits, die Nächte in der Wüste sind ja auch nicht ohne. Warum genau man sie hier her verpflanzt hat, war uns jedoch nicht klar. Wunschgemäß gab es für Klaus noch eine dicke Nudelportion und natürlich den Wein, den ich extra über den Pass gebuckelt hatte.

Als wir am Morgen gerade startklar waren, brauste auf einmal ein einsamer Radler den Hang hinunter. Meine Güte, war der flink. Aber es war ja auch der fliegende Holländer aus dem TES Guesthouse! Er war etwas leichter und mit breiteren Reifen unterwegs als wir, was gar nicht so unerheblich war. Und die 30 km bis zur ersehnten Hauptstraße hatten es nochmal in sich. Statt besser, wurde der Belag mit jedem Kilometer schlechter. Zeitweise dehnte sich das Waschbrettprofil über die gesamte Straßenbreite aus, sodass es kein Entkommen vor den komplett ausbremsenden sandigen Wellen gab. Entnervt, aber glücklich flutschten wir auf den Asphalt, während der Holländer gerade mit zwei französischen Reiseradlerinnen an einem alten Buswartehäuschen zu Mittag aß. Die zwei Mädels machten nicht den freundlichsten Eindruck, weshalb wir uns nicht lange aufhielten.

Im Sausewind rauschten wir durch ein hübsches, schroffes Tal Kochkor entgegen. Die 40 km vergingen wie im Flug und bereits am Nachmittag kamen wir in der angenehm warmen Stadt an. Das Guesthouse Nur hatten wir uns bereits auf der altbekannten Plattform, die wir jetzt echt lange nicht genutzt hatten, herausgesucht. Bei der Guesthouse-Dichte brauchten wir einfach Orientierungshilfe. Nach all den kulinarischen Dämpfern in unseren bisherigen Unterkünften in Kirgistan und Tadschikistan haben uns letztendlich die vielen lobenden Kommentare über das gute Essen überzeugt. Und wir sollten nicht enttäuscht werden. Eine liebenswerte Familie empfing uns, wir bekamen ein großes, schönes Zimmer, das Internet funktionierte perfekt und wir konnten die Waschmaschine nutzen! Dass wir die Uhrzeit für das Abendessen nicht selbst bestimmen durften, klärte sich bald auf: 19.30 Uhr purzelte eine Reisegruppe zum gemeinschaftlichen Plov-Mahl (ja, wieder Plov) herein. Was jetzt nach Busgruppenalpträumen klingt, die man sonst in Gaststätten kennt, war jedoch ein interessanter bunt gemischter Haufen von 10 (Wahl-)Australiern, die höchst interessiert an unserer Reise waren und auch ihrerseits einiges Interessantes zu berichten hatten. Wir unterhielten uns lange und hatten somit nicht nur durch die hervorragenden Kochkünste unserer Gastgeber einen wundervollen Abend, den wir schließlich noch krönten, indem wir endlich die Biwak-Folgen aus dem Făgărăš-Gebirge streamen konnten.

Zum Frühstück bot man uns mal wieder „eggs“ an und wir rollten innerlich schon die Augen. Doch auch hier müssen wir eingestehen: es waren die besten Spiegeleier der Reise. Dazu gab es immer frisches Brot, Obst, hausgemachte Marmeladen… Kugelrund rollten wir in die „City“, sprich am Lenin vorbei auf die Hauptmeile, die fast ausschließlich aus Super- oder Minimärkten, Oschkhanas und den Basarständen bestand. Als wären wir immer noch im Niemandsland unterwegs, deckten wir uns so fleißig ein, dass wir am Ende Probleme hatten, alles in unseren Gepäcktaschen unterzubekommen… Zum Abendessen hatte sich wieder eine Reisegruppe angekündigt und es sollte Laghman geben. Erneut wurde es ein wundervoller Abend, mit hervorragendem Essen und interessanten Menschen. Eine ältere, allein reisende Spanierin („she’s a character“ war abschließend das Urteil von den anderen) und fünf Amerikaner aus Alabama, von denen eine freiwillig als Ärztin in Bishkek arbeitete. Abermals lag der Fokus auf unserer Radreise, was uns ein bisschen unangenehm war, andererseits konnten wir die zahlreichen interessierten Fragen ja nicht unbeantwortet lassen. Es hat aber auch wieder Spaß gemacht, diese Truppe besser kennenzulernen und wir freuten uns schon auf das gemeinsame Frühstück, bevor wir so langsam das Finale unserer Reise angehen sollten.