Das Unglaubliche war passiert: wir waren nicht nur heil und pünktlich in Prag gelandet, auch all unsere Taschen und schließlich die Fahrradkisten waren mehr oder weniger unversehrt mit uns angekommen. Als Sahnehäubchen erfuhren wir, dass bereits unsere Freunde am Flughafen auf uns warteten. Mit ihrer Busfahrt nach Prag inklusive Fahrradtransport hatte alles geklappt und so standen sie bereits mit ein paar Rotkäppchen Piccolos bereit, als wir ihnen mit unseren schweren Gepäckwägen entgegen rollerten. Die Wiedersehensfreude war riesig! So wurde ich schnell darüber hinweg getröstet, dass bei einer meiner Fahrradtaschen der äußere Verschluss auf dem Gepäckband (oder schon irgendwo vorher) aufgegangen und dabei meine Stirnlampe und – noch schlimmer – das gute alte DDR-Reise-Nähset abhanden gekommen waren. Bevor wir uns jedoch kollektiv auf die Drahtesel schwingen konnten, stand eine große Fahrradzusammenbauaktion bevor. Ich war aufgrund unserer tollen Gesellschaft überhaupt nicht in der Lage, logische Gedanken zu fassen und mich daran zu erinnern, was ich an meinem Fahrrad in Seelenruhe unter Klaus‘ Anleitung einst in Almaty auseinander gebaut hatte. Zu groß war das Chaos im Kopf wie im Herzen. Glücklicherweise war Tobi in Schrauberlaune und konnte sich parallel zu Klaus austoben, während ich versuchte, unser Packtaschenwirrwarr in den Griff zu bekommen. Nach gut zwei Stunden waren wir endlich startklar. Vor uns lagen aber nur noch 13 km. Guter Asphalt, Wälder und Felder überall, grünende oder auch schon langsam gelbliche Bäume und Büsche und vor allem der Geruch von Erde, richtig leckerer feuchter Acker-Erde waren unsere Begleiter. Alles sehr ungewohnt nach der langen Zeit in Zentralasien.

In unserer Unterkunft, dem „Green Club“ in Tursko, der zwar an sich ein wunderschönes Gehöft war, beschlich uns dennoch leichte Ernüchterung, als es hieß, dass das Nachbarrestaurant geschlossen sei und sich das nächste in drei Kilometern Entfernung befände – auf der Straße, von der wir gerade eben gekommen waren. In der dunklen Kälte nochmal auf die Landstraße? Nööö, keine Lust. Zumal Klaus und ich dezent „gejetlagt“ waren, hatten wir doch nur im Flieger ein paar Stündchen geschlafen und dank Zeitverschiebung noch vier Stunden extra in den Tag gedrückt bekommen. Aus Bequemlichkeit entschieden wir uns für den Burgerladen im Ort. Eigentlich eine typische tschechische Hospoda, servierte man hier warum auch immer nur noch Burger und Pizza. Haben selbst die Tschechen mal die Nase voll von Gulasch und Svičkova? Kaum vorstellbar. Allerdings waren die Burger und das Fassbier eine wahre Wonne und wir konnten den Abend glücklich, süffig, satt und erleichtert ausklingen lassen.

Nach einem entspannten Frühstück rollten wir am folgenden Tag über viele bekannte aber auch zahlreiche neue Wege, die uns vor Augen führten, wie oft wir auf dem Hinweg vom originalen Elbe- bzw. Moldauradweg abgewichen waren, teilweise ausversehen, teilweise bewusst. In Mělnik ließen wir es uns zur Mittagspause mit lecker Kaffee und Törtchen richtig gut gehen. Schwer fiel uns das Aufraffen, doch es lag noch ein gutes Stück vor uns. Bald sollten uns Alex, Holger und noch ein Dritter im Bunde entgegen radeln. Das Trio, das auf dem Weg an den Balaton war, hatte sich bereits per Facebook angekündigt, sodass die Überraschung nicht ganz so groß war. Dennoch ein äußerst nettes Intermezzo. Dummerweise hatten die Jungs uns darauf hingewiesen, dass bald ein Feld mit Kürbissen kommen würde und zeigten uns ihr stibitztes Exemplar. Als auch wir irgendwann ein Kürbisfeld erreichten, stand für uns Mädels natürlich fest, dass wir uns das nicht entgehen lassen konnten. So eine Kürbiscremesuppe zum Tag der Deutschen Einheit? Super Idee! Nur irgendwie waren wir zu langsam. Gerade mit dem Diebesgut bewaffnet, kam der Bauer wütend mit seinem Auto angefahren, sodass keine Chance mehr blieb, die Kürbisse schnell in den Taschen verschwinden zu lassen. Er blaffte irgendetwas von „Hokkaido“, für den Rest reichte leider mein Tschechisch nicht. Jedenfalls war er ziemlich außer sich und wir sahen lieber zu, dass wir da weg kamen. Alle strahlend orangenen Kürbisfelder, die danach unseren weg säumten, ließen wir links liegen. Ein Bauernkonflikt am Tag reicht. Ohne weitere Katastrophen erreichten wir Velké Žernoseky, wo wir es nun endlich einmal geschafft haben, in der schönen Weinstube „Rodinné vinařství Mikulenkovi“ abzusteigen. Hier hatte man unsere Reservierung gar nicht zur Kenntnis genommen und es war pures Glück, dass sie nach dem Weinfest an jenem Wochenende gerade noch am Aufräumen waren. Eine halbe Stunde später hätten wir wahrscheinlich niemanden mehr angetroffen. Es gab sogar noch ein herrliches Gulasch und Schmalzschnitten für uns, begleitet von vorzüglichem Wein. Ja, kaum zu glauben, aber wahr: es gibt Orte in Böhmen, an denen man kein Bier bekommt. Was wir bekamen, war neben dem guten Wein zudem ein riesiger Vorschuss an Vertrauen. Da die Betreiber einige Kilometer entfernt wohnten, überließen sie uns die Schlüssel für die Gaststube sowie eine Liste zum Stricheln der getrunkenen Weine. Manch anderer Gastwirt hätte uns nach dem Essen womöglich einfach an eine andere Hospoda verwiesen. Selig schlummerten wir in unserem 5-Bett-Zimmer und wurden nur manchmal von den vorbei donnernden LKW und Zügen geweckt. Das Elbtal kann lärmtechnisch ein ganz schönes Miststück sein…

Auch das Frühstück am Morgen war liebevoll zubereitet. Kristina, die Gute, machte uns sogar die ersehnten Palatschinken. Gut gestärkt konnten wir so die finalen Kilometer nach Dresden in Angriff nehmen. Das Wetter meinte es anfangs noch gut mit uns, sodass wir flink vorankamen und uns in Děčín eine entspannte Mittagspause vorm Billa gönnen konnten. Schließlich rollten wir über die tschechisch-deutsche Grenze, als würden wir gerade von einer normalen Wochenendausfahrt zurückkehren. In Bad Schandau verabschiedeten wir uns Knie-bedingt von Steffi und rollten zu viert hochmotiviert bei Alfredo in Pirna ein. Gerade hatte der Regen eingesetzt und es war an der Zeit, sich mit Heißgetränken aufzuwärmen… und just mit Eis wieder runterzukühlen, was ja auch nötig ist beim Schock angesichts deutscher Gastro-Preise. Komplett von oben bis unten in Regenklamotte gehüllt, fuhren wir relativ wortkarg durch den Dauerregen. Das Wetter empfing uns also wie es uns Anfang April verabschiedet hatte. Auch wenn das Einheitsgrau und Dauergetröpfel nicht gerade stimmungserhellend waren, so mussten wir wenigstens keine Nerven auf einem überfüllten Elberadweg lassen. Im Normalfäll wäre dieser zum Brückentag ja knackevoll gewesen. Aber da Menschen und vor allem Dresdner ihre Allwetter-Outdoor-Klamotten bevorzugt bei Sonnenschein auf Asphalt spazieren tragen und ansonsten aus Zucker sind, fuhren wir hindernislos in trauter Viersamkeit durch die Nässe. Nachdem uns Paula und Tobi abgesetzt hatten, empfingen uns sogleich meine Eltern in unserer Wohnung, standesgemäß mit Sekt und der ein oder anderen Freudenträne. Für uns fühlte sich das Alles auf einmal gar nicht mehr wie eine große Sache an. Es war, als wären wir gerade so wie sonst von einem verlängerten Wochenendtrip durch Tschechien zurückgekommen und hätten das große Eurasien-Abenteuer nur geträumt. Hier im zivilisierten Wohlstandseuropa wirkte alles, was wir in den letzten Monaten gesehen und erlebt hatten auf einmal wahnsinnig weit weg. Eine andere Welt, ein anderes Leben. Nichts von alledem, was im vergangenen halben Jahr Alltag war, hatte etwas mit dem Hier und Jetzt zu tun, mit Ausnahme unserer Räder und Fahrradtaschen, die aus dieser Welt mit herübergewandert waren. Doch jetzt sollten sie vorerst nicht mehr Dreh- und Angelpunkt unseres Alltags sein. Kein Fokus mehr auf die nächsten Strecken, die nächsten Besorgungen, Schlafplätze und Fotomotive. Der auf die basalen Bedürfnisse heruntergebrochene Alltag sollte nun wieder dem „normalen“ Leben weichen aus Steuererklärungen, Arztbesuchen, Bewerbungen, Terminarrangements beruflicher wie privater Natur und und und. Erfreulich und erschreckend zugleich: man ist unfassbar schnell wieder drin in der Alltags-Tretmühle. Völlig normal und selbstverständlich geht das Leben zuhause weiter, was für uns zugegebenermaßen eher unerwartet war. Sollten die Reisemonate so wenig nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben? Machen wir jetzt einfach so weiter wie zuvor? Nicht ganz.

Unser Blick wurde in verschiedenartiger Weise geprägt und verändert. Das Wasser aus der Leitung ist für uns keine Selbstverständlichkeit mehr. Natürlich war uns auch zuvor die Wasserproblematik in anderen Teilen der Welt bewusst, aber selbst jeden Tag Wasser gefiltert und purifiziert oder gleich gar keine andere Wasserquelle als Plastikflaschen zu haben, lässt uns dieses Gut doch noch einmal anders bewerten. Hygienische Standards und tadellose Krankenhäuser oder Arztpraxen sind bei Weitem nicht so normal wie man als Europäer verleitet ist, zu glauben. Gutes, gesundes, unfettiges Essen und die Freiheit, uns jeden Tag in Hülle und Fülle zubereiten zu können, worauf wir gerade Lust haben, kann man nach einer längeren Zentralasien-Reise nicht genug wertschätzen. Wir können nicht nur gesünder und vielfältiger essen, sondern vor allem auch ohne die Angst, dass bei nicht selbst gekochtem Essen das ein oder andere Problem mit in unseren Körper wandern könnte… Problematisch war auch die Abfallentsorgung in den meisten Ländern und der Umgang mit der Natur im Allgemeinen. Wir erinnern uns gut, wie uns „befohlen“ wurde, einfach unseren Müll in den Fluss zu werfen, dann sei er ja weg. Wir erinnern uns auch an die Kinder, die aus einem Geschäft kamen, an dessen Eingang sogar ein Mülleimer stand und die ein paar Meter weiter die Plastikverpackung ihres Eises einfach fallen ließen. Tütchen für jeden Mini-Einkauf gab es natürlich sowieso zu Hauf, einen Stoffbeutel nahm da keiner mit zum Einkaufen. Dieser gewissenlose Umgang mit Müll und unserer Umwelt ist für uns nur schwer nachvollziehbar und zeigte uns auf drastische Weise, welche Ausnahmestellung wir in Mitteleuropa global gesehen auf diesem Gebiet leider einnehmen. Dazu gehört auch, dass das Fahrrad ein gängiges Verkehrsmittel ist, nicht weil man zu arm wäre sich ein Auto zu leisten, sondern weil man nicht mit jeder Fahrt die Umwelt verpesten möchte. Ganz nebenbei können wir nun wieder ohne Aufsehen zu erregen Fahrrad fahren. Auch wenn wir in letzter Zeit nicht mehr ständig auf der Straße euphorisch voll geschrien wurden, so können wir uns gut an die Phasen erinnern, wo man sich inniglich wünschte, dass Fahrradfahrer mehr als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden würden. All das sind Aspekte, die uns unseren Lebensstandard neu bewerten und schätzen lassen, denn er ist weiß Gott nicht so selbstverständlich wie man innerhalb der Festung Europa glauben könnte. Die Dankbarkeit dafür ist leider vielen Menschen abhanden gekommen. Man ist an den Wohlstand gewöhnt und sucht trotzdem oder gerade deswegen nach jedem kleinen Grund zu Meckern und hegt eine nahezu paranoide Angst, der Wohlstand könnte sich reduzieren. Auf den Boden dieser Tatsachen brachte uns schnell das Wahlergebnis zurück… Aber das führt nun zu weit.

Und was werden wir vermissen? Natürlich das tägliche Radeln, die Landschaften, durch die wir brausten, die kleinen Hürden, die wir meistern mussten, die Campingkocherküche, unsere gemütlichen Schlafsäcke, unvorstellbare Sternenhimmel und vor allem die Begegnungen. Immer wieder trafen wir unglaubliche Persönlichkeiten zu Rad, die auf ähnlichen oder häufig längeren Touren waren. Wir hatten sogar das unfassbare Glück, nicht nur Radelkompagnons auf Zeit, sondern Seelenverwandte zu finden. Seitdem sich unsere Wege und die von „Rosick“ getrennt hatten, verging kein Tag, an dem wir uns nicht vorstellten, wie es wäre, noch mit ihnen unterwegs zu sein. Doch wir planen bereits die nächsten gemeinsamen Fahrradexperimente 🙂 Uns fehlt aber auch die Kommunikation mit wildfremden, interessierten Menschen, für die man gerade wie ein Alien in ihre Welt eingebrochen war. Ob der Bauer am Straßenrand oder die Verkäuferin im Magasin: die Aufmerksamkeit, die uns entgegengebracht wurde, war zu 90 % einfach schön und gab uns das Gefühl, Teil einer Völkerverständigung zu sein, die sonst so kaum stattfindet. Einfach, weil man in diesen Ländern nicht reist, nicht mal in die Nachbarregion. All die spontanen Geschenke, Einladungen, Schnäpse und gemeinsamen Fotos werden wir nie vergessen. Ob ein zentralasiatischer Reiseradler wohl in Europa ähnliche Erfahrungen machen würde? Wir wissen es nicht und sind uns sehr bewusst geworden, in welch privilegiertes Leben wir hineingeboren wurden. Ohne selbst etwas dafür getan zu haben, werden wir als Deutsche regelmäßig im Ausland bewundert, geschätzt und willkommen geheißen – ohne jegliche Voreingenommenheit.

Wir sind auf jeden Fall froh, das Abenteuer gewagt und wie viele Langzeitreisende es immer so schön nennen, „unsere Komfortzone verlassen zu haben“. Wir sind nicht nur dankbar, für all das Glück, das wir hatten, sondern auch für unsere Unterstützer aus nah und fern, ob per WhatsApp-Nachricht, E-Mail, einem Daumen bei Facebook oder einem Kommentar unter unseren Blogbeiträgen. Es war motivierend und beglückend zugleich, die eigenen Erfahrungen, die wir im Kleinen gemacht haben, mit einer größeren Gruppe von Menschen zu teilen. Vielleicht haben wir es ja geschafft, Vorurteile abzubauen, Ängste oder Bedenken zu mindern oder gar die (Rad-)Reiselust zu wecken. Bei uns ist Letztere auf jeden Fall immer noch vorhanden… Fortsetzung folgt 🙂