Unsere Hütte verließen wir erst mit einsetzendem Regen. Der Moldau-Radweg nach Prag war dennoch wunderschön, wenn auch gespickt mit einem ordentlich steilen Ausflug ins Hinterland. Durch Prag konnten wir uns leider nicht so souverän navigieren wie erhofft, sodass wir immer hungriger und genervter wurden. Klaus‘ Augen erspähten noch vor der Eskalation ein Gambrinus-Schild und wie Magneten wurden wir angezogen von dem Gedanken an eine trockene Kneipe mit warmem Gulasch und spritzigem Pivo. Unsere Erwartungen wurden im Restaurace U Divadla sogar noch übertroffen, denn es gab zusätzlich Himbeerfassbrause! Außerhalb vom Zentrum alles zu gewohnt tschechisch-moderaten Preisen.

Hätten wir bereits die Karte für den „Green Way“ von Prag nach Wien besessen, hätten wir uns niemals den Altstadttrubel angetan. Aber so mussten wir uns doch in den Strudel der Massen reißen lassen. Trotz des Regens fühlte man sich wie in einem Ameisenhaufen! Mit bepackten Rädern holperten wir über glitschiges Kopfsteinpflaster, immer auf der Hut vor Amok-Touristen, klingelnden Straßenbahnen und aggressiven Berufspendlern. Eine unfreundliche, aber hilfsbereite Dame in der Touri-Info gab uns Dies und Jenes, aber am wertvollsten: die Adresse eines Karten-Geschäftes. „They might have bike maps“ – und sie sollte Recht behalten. So erhielten wir eine Fahrradkarte für den gesamten Weg nach Wien, yeah. Jedoch war auch die Flucht aus Prag hinaus noch eine kleine Odyssee, die sogar ein paar Tränen kullern ließ, als wir im Regen auf einmal nur noch Autobahn vor uns hatten. Doch auch diesen kleinen Nervenzusammenbruch bewältigten wir und fanden schließlich die Schilder des Green Way.

Der Weg bot ein interessantes Mischmasch aus Sport- und Parkanlagen, Naherholungswald für die Städter sowie riesengroße weitläufige Plattenbaudenburgen, wobei wir uns in letzteren natürlich am wenigsten wohl fühlten und dann doch immer unsicherer wurden, wo wir angesichts der vorgerückten Stunde und der kalten, triefenden Nässe, die überall hin kroch, wohl nächtigen würden. Zelten war für uns heute keine Option. Unsere Hoffnungen lagen auf dem Ort Průholice, in dem wir angesichts des Schlosses einigermaßen Touristen-Interesse und daher Unterkunftsangebot vermuteten. Mangels Alternativen zahlten wir die teure Pension „V Holi“. Dafür waren die Betten traumhaft und so konnten wir zwar ohne Frühstück, aber gut erholt den Weg nach Vršovice antreten.

Tagesziel am vierten Tag war die Strnadovský mlýn, da hier scheinbar die einzige legale Zeltmöglichkeit weit und breit bestand. Der Weg führte meist über wenig befahrene Asphaltstraßen durch die erblühende und grünende Natur, oft an Bächen entlang, noch häufiger über unzählige Hügel. So schafften wir „nur“ 64 km, bewältigten dabei aber fast 1000 m Anstiege. Auch lernten wir, dass man Sperrschilder in Tschechien ernst nehmen sollte. Der Freude über die nicht befahrene Straße wich nämlich bald die Erkenntnis, dass Klaus Recht behalten sollte. Er sagte noch „Warte es ab, womöglich ist das keine Baustelle, die wir mal ebenso umfahren können, sondern eine weggespülte Brücke“. Manchmal bewundere ich die Pfiffigkeit meines Mannes. Über einen schmalen schlammigen Trampelpfad konnten wir aber doch geduldet von den Bauarbeitern Gepäcktaschen und Fahrräder separat auf’s andere Ufer hieven.

Begleitet wurde der Tag außerdem von zahlreichen Tieren: am Morgen hüpfte ein Eichhörnchen um unsere Räder, auf dem Feld neben uns entdeckten wir beim schweißtreibenden Anstieg einen Fasan und wieder ein Stück weiter kreisten Schwarzstörche über uns (die soll es in der Sächsischen Schweiz geben, gesehen haben wir trotzdem noch keine). Und auch auf dem Gelände der alten Mühle, wo wir unser Zelt errichteten, konnten wir uns kaum satt sehen an Schafen, Lämmern, Schweinen, Pferden, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen. Zu hören in der Nacht waren allerdings nur noch der Bach direkt neben unserem Zelt und gelegentliches Johlen von der Hochzeit, die hier auf dem Gelände stattfand. Das war schon ein ulkiger Kontrast. Genau eine Woche zuvor am 1. April waren wir selber noch chic gekleidet als feierwütige Hochzeitsgäste auf einem Rittergut in der Nähe von Dresden und nun sind wir hier irgendwo in der südböhmischen Pampa und fühlen uns wie in einer anderen Welt. So ein Start ist schon echt seltsam. Man ist noch in Schlagdistanz zur Heimat, aber doch so abgenabelt…

Als wir uns am nächsten Morgen nach satten 10 Stunden Schlaf begleitet vom Bachrauschen aus dem Zelt schälten, war die Hochzeitsgesellschaft schon Ameisen-gleich am Umherwuseln, Frühstücken und Verabschieden. Also entweder, manche Leute feiern nicht richtig oder wir sind einfach zu alt geworden und brauchen zu viel Schlaf – aber wir lagen zumindest letzten Sonntag früh um 8 noch unansprechbar in unseren Schlafsäcken.

Unser Weg führte uns am 5. Tag 80 Kilometer lang und satte 1100 Höhenmeter bergauf über die hübsche Stadt Tábor, wo das Sonntagsgewusel im Sonnenschein groß war, bis nach Jindřichův Hradec. Leider hatte die Wetterwelt am Morgen noch etwas getrügt und wir hielten bei einem ausgewogenen Sonne-Wolken-Mix die Sonnenmilch für nicht unbedingt notwendig. Das war mal richtig dumm. Gerade ich, die sonst gerne mit erhobenem Zeigefinger dasteht… Einzig und allein, weil wir fürchteten, das Fett-Schweiß-Dreck-Gemisch auf unserer Haut womöglich nicht abduschen zu können. Das war uns gewiss eine Lehre, denn nun straft uns brennende, gerötete Haut. Und wir kamen ja doch zu unserer Dusche, denn wir hatten das Ökozentrum Vespolek als Ziel erkoren, eigentlich um zu zelten. Auf unserer Fahrradkarte sind ja die „Cyklisté vítáni“-Unterkünfte (i.E. „Fahrradfahrer willkommen“) markiert und so steuern wir diese mit Vorliebe an. Doch der gute Wirt bot uns sogleich zwei Betten an. Wir hätten Glück, denn es wäre gerade alles frisch gemacht, da sie nach einer großen Sause gestern Nacht die Betten neu bezogen hätten. Die Folgen sahen wir, als wir zum Kochen die Großküche nutzen durften. Und dabei hatte der Gute schon ganz rote Augen… Tja ja, wer feiern will, muss auch aufräumen können. Dass ein Bierfass angestochen war, kam uns dann auch noch zugute.

Nicht zugute kamen uns erneut die bequemen Betten. Oder wir mussten dem anstrengenden Streckenprofil Tribut zollen, sodass wir es wie so oft einfach nicht schafften beim ersten Weckerklingeln aufzustehen. Wir schliefen einfach komatös wieder ein. Ausgerechnet am bisher strahlendsten und wärmsten Frühlingstag, an dem die Rehe neben uns Gazellen-gleich über die Wiesen sprangen, der Feldhase umher hoppelte und der Fasan (ja, schon wieder!) über die Straße flitzte. Da unsere Fahrradkarte immer nur kleine Ausschnitte zeigt, hatten wir gar nicht mitbekommen, dass wir geradewegs auf den Thaya-Nationalpark zugeradelt sind! Wenn man ein bisschen bewanderter wäre und wüsste, dass der Flussname „Dyje“ zu Deutsch Thaya heißt… Ebenso wurden wir erst bei unserer Pause im beschaulichen Slavonice erleuchtet, dass unser Ziel „Vídeň“ heißt. Manchmal frage ich mich auch, wozu ich drei Semester Tschechisch besucht habe. Allerdings wurden selbst die Bröckchen, die ich mir davon behalten hatte, zur Rettung. Denn nachdem wir das beeindruckende Schloss von Vranov nad Dyjí hinter uns gelassen hatten, kämpften wir uns die Serpentinen nach Lesná hoch, wo neben einem Motorradmuseum Zelten möglich sein sollte und dieses Camping sogar mit „Cykliste vitáni“ ausgezeichnet war. Kilometer im Voraus prangten die Schilder, doch das Tor war verschlossen. Am Ende der Rufnummer wiederholte nur ein Mann einem Mantra gleich „Camping leider nicht meeglich“ (das muss man sich jetzt im Spejbl und Hůrvinek-Ton vorstellen). Cykliste vitáni am Arsch! Sorry, aber angesichts des herangrollenden Gewitters fanden wir das echt nicht lustig. Das Dorf lag hoch oben, weit und breit nur Feld. Den anderen Menschen war es egal. Wir rollten hinunter nach Lukov – dachten wir. Verfahren. Regen beginnt. Regen wird stärker. Wir ziehen komplette Regenkluft an, radeln über Umwege ins nächste Dorf. Pension samt Zeltplatz zu und das nicht nur bis Ende April, sondern für die Ewigkeit. Das nächste Gewitter rollt heran, Dunkelheit ebenso. Niemals bekommen wir irgendwo unser Zelt rechtzeitig aufgestellt, selbst wenn sich noch eine günstige Stelle bieten sollte. Auf einmal ein Schild „Pension U Čabalu – 30 Meter“. Jaaaaa! Und es war das Beste, was uns passieren konnte. Obwohl die liebe Mutti nur Tschechisch konnte, verstanden wir uns prima und ich konnte erstaunlich viele nötige Phrasen und Fetzen aus dem Hinterstübchen meines Sprachzentrums kramen. Die gemütliche Unterkunft bot uns Schutz vor den gefühlt noch hundert weiteren Regenschauern und Gewitterstürmen des Abends und wir sind gespannt, wieviele derartige Wetterumschwünge der April wohl noch für uns bereithält.

Fazit der ersten Tage:

1) Aller Anfang ist mühsam. Mental als auch physisch mussten/müssen wir uns an diese lange Fahrradtour gewöhnen. Während man sonst bei wochenlangem Urlaub noch gar nicht so große Vermissensgefühle spürt, ist jeder Gedanke an die Lieben zuhause vom ersten Tag an ein kleiner Stich ins Herz – einfach weil man automatisch immer vor Augen hat, wie lang man sich nicht sieht. Je länger wir unterwegs sind, umso besser wird das sicherlich. Zum einen sind wir dann in komplett andere Welten eingetaucht und das Zuhause liegt nicht mehr nur eine Tagesfahrt mit Auto oder Zug entfernt. Zum anderen rückt dann ja schon wieder der Zeitpunkt näher, an dem man alle wieder sieht ?

2) Elbe, Moldau und Green Way sind sehr befahrenswerte Fahrradwege in Tschechien. Allgemein gibt es ein tolles Radwegenetz, auf dem man mit keinem bis wenig Autoverkehr unterwegs sein kann. Mit unserem Green Way kommen wir zwar nicht auf dem allerschnellsten Weg nach Wien, dafür aber sicherlich am landschaftlich schönsten. Sehr toll dazu sind die Cyklomapy, die man sich unbedingt für den auserkorenen Weg zulegen sollte.

3) Südböhmen ist leider nicht mit dem uns bekannten Nordböhmen zu vergleichen. Neben unserem Wirt im Ökozentrum Vespolek, der als einer der wenigen Englisch konnte, und der lieben Mutti in Lukov war der freundlichste Mensch ausgerechnet unser Kellner Jakub in Prag – der Stadt, in der wir es am wenigsten erwartet hätten. Ansonsten stoßen wir ziemlich häufig auf seltsame Blicke, weitgehendes Desinteresse und teilweise mangelnde Hilfsbereitschaft.

4) Sonnenmilch auftragen! Immer! Na gut, außer es ist alles grau in grau. Hinweis von Bruder bzw. Schwager: Wolken sind sogar gefährlicher als Sonne. Also Verzeihung, wenn wir hier Unwissen verbreiten 😉