Nach dem Abschieds-Karfreitagsfrühstück mit Franzi hatten wir mal wieder sehr die Ruhe weg. Wir verließen Bratislava im regelrechten Frühlingstaumel und blieben von da an dem Eurovelo 6 treu. Vielleicht zu treu? Anfangs wuselte und wimmelte es auf den beiden Teilen des Donauradwegs. Beide Teile? Ja genau, von Bratislava Richtung Ungarn kann man sich aussuchen, ob man oben auf dem Damm fährt oder unterhalb eine ehemalige Straße nutzt – beide top asphaltiert. So kommt selbst im Feiertagstrubel die Fahrradklingel nur äußerst selten zum Einsatz. Den schmalen, zum Teil wurzeldurchzogenen und von rücksichtslosen Menschen übervölkerten Elbradweg vermisst man hier an keiner Stelle.

Erst als der Eurovelo 6 nach der ungarischen Grenze scharf nach Süden abbog und sich von da an über’s flache Hinterland und endlose ungarische Dörfchen zog, waren wir fast alleine unterwegs. Nur vereinzelt trafen wir ein paar Feiertagsausflügler. Leider hatten wir für diesen Teil des Donauradwegs auf eine Karte verzichtet und nur eine grobe Skizze angefertigt im blinden Vertrauen, er würde schon gut ausgeschildert sein. Das war er zwar, aber eben nicht die anderen Varianten. Man hätte nämlich auch am nördlichen Ufer auf slowakischer Seite fahren können. Aber wie das so ist mit Entweder-Oder-Entscheidungen: man weiß halt nicht, ob die Alternative besser gewesen wäre. So landeten wir am späten Nachmittag in Györ und beschlossen, dass es keinen Sinn mehr machte, bis zum eigentlichen Ziel – Komarno/Komarom – zu radeln, auch wenn ein Zeltplatz mit Thermalbad noch so verlockend klang. Immerhin fanden wir hier einen sehr beschaulichen kleinen Campingplatz mit Tümpel und Sitzgruppe, herrlich!

Von hier aus ließen wir uns nun von Bikemap einmal schräg runter nach Szekesfehérvár navigieren oder besser an den See von Valence „direkt daneben“. Dass man Abstände auf Karten als Fahrradfahrer anders zu bewerten hat, müssen wir wohl noch lernen. Die Strecke wurde endlich wieder hügeliger, sanftes Auf und Ab wurde begleitet von Feldern, Wäldern und Dörfern. Nur waren wir leider zu langsam für den Regen. Gerade, als wir Ungarns älteste Stadt passierten und die letzten 20 km Richtung See auf uns nahmen, weichte es uns richtig ein. Angekommen auf dem Zeltplatz in Gárdony, der laut camping-info.com seit just jenem Tag geöffnet haben sollte und bei dem auch verheißungsvoll die Tore offenstanden, wurden wir von einem unfreundlichen Kotzbrocken, der warm und trocken in seinem Auto saß, des Geländes verwiesen. Sie würden doch erst am 1. Mai öffnen. Warum denn dann aber andere Leute vor ihrem Wohnwagen saßen? Die seien anders, die wären das ganze Jahr hier. Wir waren zu eitel, um zu diskutieren, warum wir – wenn eh die Sanitäranlagen geöffnet waren – nicht einfach noch unser Zelt aufschlagen konnten. Wir setzten unseren Weg fort und fragten ein altes Ehepaar im DDR-anheimelnden Dederon-Outfit, die beim Wort „Camping“ aber nur den Kopf schüttelten und ebenfalls etwas von Mai stammelten. Nun waren wir aber hier, am Karsamstag im April, mittlerweile nass bis auf die Knochen und ziemlich durchgefroren. Zum Wildzelten gab es an diesem verdammten See kein einziges freies Fleckchen und so beschlossen wir, weiter südwärts zu fahren. Gelandet sind wir schlussendlich im Thermal-Camping (nein, den Luxus des Planschens in heißen Gewässern konnten wir uns angesichts der Uhrzeit nicht mehr gönnen) von Gárdony, wo ausgerechnet ein Camper-Treffen stattfand. Jede Parzelle war von einem Caravan oder Wohnwagen belegt. Da wir bei der Rezeptionsdame aber regelrechte Muttergefühle auslösten, war es natürlich kein Problem, irgendwo dazwischen unser Zelt aufzuschlagen. Verstörte Blicke, grölende dickbäuchige Männer, frei drehende Kinder und vor allem Grillduft begleiteten uns den restlichen Abend. Glücklicherweise gab es eine Küche, wo wir nicht nur im Trockenen kochen und abwaschen, sondern uns zum Aufwärmen aufhalten konnten.

Am nächsten Morgen ging es mit Halsschmerzen und Rückenwind straight nach Dunaújváros, wo wir bei einem sympathischen Kosovoalbaner unfassbar riesiges Eis zu einem unschlagbar günstigen Preis bekamen. Außer uns traute sich niemand, zwei Kugeln (oder besser Batzen? Haufen? Berge?) zu bestellen. Uns war danach auch mächtig kalt, allerdings hatten wir noch ungewollt viele Kilometer vor uns, die uns wieder erwärmen sollten. In Harta lernten wir Attila mit seinem Sohn kennen, der uns schon in Aussicht stellte, dass es in unserem geplanten Zielort, nämlich dem nächsten Dorf, wahrscheinlich nicht den von uns ersehnten Zeltplatz geben würde und selbst wenn, dieser noch nicht geöffnet haben könnte. Durch Attila wurden wir sensibilisiert für die Geschichte dieses Landstrichs. Nach der Befreiung von den Türken war Südostungarn quasi unbesiedelt und so kamen vor allem Süddeutsche auf der Suche nach Land – die sogenannten Donauschwaben. Beschilderungen gibt es daher häufig auf Ungarisch und Deutsch und tatsächlich wird alle Nase lang noch Deutsch gesprochen. Unser Zeltlager tatsächlich errichtet haben wir kurz nach Foktő vor den Toren des Restaurants Kék Duna Vendéglő, natürlich mit deren Erlaubnis. Eine Dusche gab es da für uns zwar nicht, aber wenigstens konnten wir nochmal schön auf’s Klo.

Die Zeltnacht war lang, denn die Dorfjugend kam doch immer wieder ans Donauufer, um nach dem österlichen Familienüberdruss nochmal Gaudi zu haben, sodass wir uns zeitig in die Schlafsäcke lümmelten. Um 10 radelten wir mal unbefestigt, mal asphaltiert nach Baja und knackten dabei die erste magische Grenze: 1000 km! Wahnsinn, ging dann doch ganz schön fix. In Baja stand die schwierige Entscheidung an: da sich meine (Antjes) Halsschmerzen manifestierten und zu einem handfesten Infekt auszuufern drohten, waren wir uns unschlüssig, ob wir weiter den Eurovelo 6 entlang dümpeln und bereits in Mohács Lager beziehen oder das Doppelte an Strecke, dafür über Straßen diagonal nach Sombor und damit nach Serbien zurücklegen wollten. Letztendlich entschied die Verfügbarkeit an guten, günstigen, warmen Unterkünften, denn meine Schleimhäute protestierten bei der Aussicht auf eine weitere kalte Zeltnacht. Somborski Salaš rief und so verließen wir bereits Ungarn, wo Langoš Mangelware ist (diese Erfahrung machten wir leider schon oft), aber wir als Fahrradfahrer keinerlei Ängste auszustehen hatten. Sicherlich profitierten wir von LKW-losen Feiertagsstraßen, aber dass Autofahrer derart rücksichtsvoll sein können, war uns komplett neu und wird uns wohl so auch nie wieder begegnen. Bereits kurz nach Grenzübertritt auf serbischem Boden mussten wir das komplette Gegenteil erfahren, aber dazu mehr im Serbien-Bericht ?