An der usbekischen Grenzkontrolle blies uns der heiße Sand entgegen. Mit zusammen gekniffenen Augen mussten wir zunächst zu einem Amtsarzt und bestätigen, dass wir unter keinen chronischen Krankheiten litten – außer wahrscheinlich jetzt unter einer Staublunge – und dann war es das auch schon mit dem Gesundheitscheck. Im Nachbargebäude durften wir wie gewohnt alles Gepäck abladen und die Medizin einzeln vorführen. Dieses Mal war die Beamtin allerdings nicht so ruppig und nach der Begutachtung waren wir dann auch schon durch. Mittlerweile waren auch Hugo und Céline, die wir mittlerweile „Huline“ getauft haben, eingetrudelt. In Anerkennung unserer durchgezogenen Radelstrecke durch Turkmenistan schenkten sie uns eine große Flasche kalter Cola (merci beaucoup!), doch auch die konnte uns nicht so recht beflügeln, jetzt in der größten Mittagshitze den Weg durch Usbekistan fortzusetzen. Nach dem Geldwechsel an der Grenze zog es uns in die nächste Gaststätte. Eine Speisekarte gab es nicht, die Gerichte wurden uns jeweils gezeigt. Das Angebot war zwar klein und der Ort heruntergekommen, doch rückblickend war es das beste und günstigste Mahl in ganz Usbekistan.

Anschließend schwitzten und ruckelten wir die immer noch schlechte Straße Richtung Bukhara. Mit Rückenwind wäre die Distanz vielleicht an einem Tag machbar gewesen, aber wir brauchten definitiv einen Zwischenzeltstopp. In einem Dorf fanden wir eine perfekte Wiese, doch auf dem zugehörigen Gut war niemand anzutreffen, um nach einer Erlaubnis zu fragen – nur ein kleines Kind, das sich immerzu versteckte. Wir wollten es nicht weiter verschrecken, wahrscheinlich waren die Eltern nicht zuhause. Auch bei weiteren Flächen waren wir uns nicht sicher, ob sie jetzt jemandem gehörten oder nicht. Wir fragten erneut nach und auf einmal hatten wir eine Traube um uns – der eine sagte, dort drüben sei gut (und es war am Ende eine Baustelle), ein anderer sagte, dass wir hier auf keinen Fall zelten könnten, ein anderer lud uns zu sich nach Hause ein (5 km entfernt), ein anderer hielt Céline das Telefon hin, mit einer Dame, die Französisch konnte, uns ebenfalls einlud, aber wir keine Ahnung hatten, wo sie wohnte. Und dabei wollten wir doch eigentlich unsere Ruhe, den Campingkocher anschmeißen (wir hatten uns alle vorher zur Genüge eingedeckt) und den Sonnenuntergang genießen. Letztendlich wurde uns doch noch ein Fleck Wiese direkt neben den Bahngleisen gezeigt.

Am Morgen dachten wir kurz, der Zug würde direkt über unsere Zelte drüber rollen, doch dann realisierten wir, wo wir waren. Die knapp 60 km nach Bukhara waren dank der gewohnten Umstände (Straßenbeschaffenheit, Gegenwind, Hitze) erneut eine Qual und als wir am frühen Abend die Stadt erreichten, freuten wir uns alle wie Bolle auf Dusche und Bett. Während Céline und Hugo die einzige Warmshowers-Gastgeberin in ganz Usbekistan angefragt hatten (was tatsächlich eher ein Gästehaus war), steuerten wir das Arabon Hotel an, wobei hierzulande irgendwie alles „Hotel“ genannt wurde. Schnell lernten wir, dass es sich lohnt, vorher die booking.com-Preise zu prüfen, da die meisten Gastgeber ihre Zimmer bei direkter Nachfrage teurer anpreisen. So hat man ein Verhandlungsargument (am besten man droht mit dem Handy in der Hand, es vor Ort auf booking.com zu buchen, denn um nicht 15 % ihrer Einnahmen an die Plattform abzudrücken, stimmen die Gastgeber in der Regel zu) und auch wir konnten den Preis von 30 auf 20 Dollar pro Nacht drücken. Insgesamt empfiehlt sich in Usbekistan wirklich das Feilschen. In den meisten Fällen, in denen wir einen niedrigeren Preis vorgeschlagen haben, wurde dieser auch akzeptiert (z.B. beim Kauf von Süßigkeiten oder Accessoires auf dem Basar). Am Abend verließen wir das Hotel nur noch zum Essen und gönnten uns seit langem mal wieder ein richtiges Restaurant. Die Qualität war ganz gut, das Beste war all das Grünzeug, das mit auf den Tellern lag. Denn Salat ist leider mittlerweile außer dem üblichen Tomaten-Gurken-Zwiebel-Gemisch Mangelware.

Zum Frühstück wurden wir mit einem ziemlich guten Omelette überrascht, das allerlei Gemüse enthielt, selbstgemachtem Auberginenmousse und einem Teller voll mit frischem Obst. Das Interessante war, wie aber die Qualität des Frühstücks abnahm und wir hatten keine Ahnung, woran es lag. Am zweiten Morgen wurde uns das Omelette nicht mehr im Tiegel serviert und das geliebte Auberginenmousse, von dem wir zuvor noch Nachschlag bekamen, verschwand vom Esstisch. Und am dritten Morgen bekamen wir auf einmal kein Obst mehr. Die Mädels, die nach uns frühstückten hingegen schon. Was war los mit diesem Hotelbetreiber? Ganz zu schweigen vom Versuch, uns satte 10 $ für eine Maschinenwäsche abzuknöpfen…

Für Bukhara brauchten wir insgesamt volle zwei Tage, da wir neben dem Bestaunen der wundervollen Architektur aus tausend und einer Nacht und dem Ergattern einiger Souvenirs auch noch lebenspraktische Dinge auf die Reihe bekommen mussten. Eine Ewigkeit dauerte z.B. der Versuch, an Dollar zu kommen. Das Hotel, in dem ein entsprechender ATM stehen sollte, hatte keinen. Man verwies uns an die Kapital-Bank, nur ein paar Meter Richtung Osten. Die Bank kam nie und die Menschen, die wir fragten, wussten auch von nichts. Stattdessen sollten wir zur Asaka-Bank. In jener akzeptierten sie nur Mastercard. Mit einer Visa-Karte müssten wir zur Asia Alliance. Tatsächlich bekamen wir hier nach ein paar Unterschriften unseren seit dem Iran ersehnten monetären Nachschub. Leider wird überall nur vom bankenmäßig isolierten Iran geredet, in dem man mit seiner Kreditkarte nicht weiterkommt. Dass es in den folgenden zentralasiatischen Ländern nur unwesentlich besser wird, hatten wir bei unserer Kalkulation nicht so recht auf dem Schirm. Und wer fährt schon gerne mit tausenden von Dollar im Gepäck umher? Zum Abendessen trafen wir uns mit Hugo und Céline und genossen bei leckerem Dimlamah, Manti und Plov den Blick über die Dächer Bukharas.  Am zweiten Orga-Tag wollten wir neben Basar-Shopping auch noch ein Paket in Richtung Heimat aufgeben. Ein paar Souvenirs sowie unnützen Ballast quetschten wir in eine viel zu kleine Schachtel, die uns die Postbeamtin gab. Die Gewürze durften wir nicht mit senden, dafür duftet es jetzt immer aromatisch aus unserer Essenstasche… Nachdem Klaus das Päckchen bis zum Geht-nicht-mehr zugetapet hatte, kam es in dem einzigen Chaos, das diese Poststation war, auf einen Stapel. Na ob das was werden würde… Einen Monat sollte der Versand dauern, tatsächlich traf es nur eine Woche später bei meinen Eltern ein. Noch dazu haben wir für knapp fünf Kilogramm nur 18 Dollar bezahlt! Céline und Hugo hatten bei ähnlichem Gewicht in Isfahan nach langer Diskussion trotzdem noch 50 zahlen müssen.

Unsere Weiterfahrt nach Samarkand sollte von einem kleinen Umweg zum Tudakulsee gespickt sein, an dem man angeblich baden konnte. Klaus hatte nur mäßig Lust, aber mir fehlte der Badespaß in diesem Sommer zu sehr, als dass ich es nicht wenigstens versuchen wollte. Der Straßenbelag dahin stellte uns auf eine harte Geduldsprobe. Für 20 km brauchten wir eine halbe Ewigkeit, um schließlich an einem eingezäunten Feriengebiet anzukommen. Zunächst erfrischten wir uns im Minimarkt gegenüber mit einer Cola und erzeugten dabei einiges Interesse. Während Reiseradler auf der „klassischen“ Seidenstraße über Bukhara nach Samarkand an der Tagesordnung sind, dürften wir hier eine recht exotische Erscheinung abgegeben haben. Wir erkundigten uns, ob man in dem Ferien-Areal zelten könne und uns wurde wohlwollend zugenickt. Tatsächlich standen wir dann – gemeinsam mit einer usbekischen Jungs-Gruppe – vor verschlossenen Toren. Nachdem unsere Reisepässe geprüft wurden, bekamen wir nur ein müdes Kopfschütteln. Aber nachdem die Jungs eh schon sowas andeuten von wegen da drin wäre es wie Ibiza hatten wir auch keine Lust zu betteln. Immerhin sollte es ja noch andere Strände geben. Beim nächsten Asphalt-Weg bogen wir ein und standen am Ende vor zwei Toren, eines verschlossen, das andere offen und entschieden uns für das offene. Ein netter Mann empfing uns und meinte, Zelten sei kein Problem. Als wir uns nach dem Preis erkundigten, schlug er 50.000 Som pro Person vor. Äh, Moment, beim Ibiza-Strand vorhin wären es 20.000 pro Nase gewesen und der Platz sah nicht so verwahrlost aus wie dieser hier. Wir sagten also, dass wir maximal 50.000 Som insgesamt zahlen und das war dann auch okay. Irgendwie nervte das Verhandeln, andererseits konnten wir uns fast immer mit der niedrigeren Forderung durchsetzen. Er zeigte uns das Gelände, das eindeutig seine besten Zeiten in der Sovjet-Ära hatte. Der Geländeranstrich war verblichen, der bestimmt einst im Knirpsengeschrei versunkene Spielplatz nunmehr kinderleer und im Duschcontainer hätte man skrupellos einen Horrorfilm drehen können. Das einzige, was hier in Schuss gehalten wurde, waren die Pagoden vorne am Strand. Unter einem Dach konnte man es sich sonnengeschützt auf den neuwertigen Holzgestellen, den Taptschans, gemütlich machen, bekam bei Bedarf noch Matten und Kissen gestellt und konnte sich gewiss sein, dass der Boss des Geländes höchstpersönlich den Müll der Vorgänger beräumt und jeden Morgen die Sitz-/Liegeflächen reinigt. Leider bestätigte sich unsere Hoffnung nicht, dass wir einfach auf einem dieser Dinger schlafen könnten, denn das wäre angeblich zu gefährlich gewesen.

Nun war es also soweit. Während Klaus lieber abwartete, wollte ich sogleich ins kühle Nass springen. Hoffnungsvoll watschelte ich ins angenehm temperierte Wasser, um dann festzustellen, dass diese furchtbar schroffen piksenden Steine, die am Strand lagen, sich ewig im See fortsetzten. Noch dazu war das Ufer unheimlich flach, sodass man nicht einfach schnell los schwimmen konnte und der Sturm blies die Wellen so hoch, dass man ständig den Halt verlor. Als ich dann auch noch von einer betrunkenen Jungs-Gruppe „bedrängt“ wurde (sie hatten nichts Böses im Sinn, waren eben einfach nur etwas neben der Spur), reichte es mir. Klaus hatte unterdessen von den anderen Familien, die hier ihr Sonntagsessen zelebrierten, so einiges an Gaben bekommen. Brot, Salat und ein Teller mit einem deftigen Fleisch-Kartoffelgericht lagen zu unseren Füßen. Schließlich wurde uns auch noch eine halbe Wassermelone gebracht und beim Schichtwechsel – mittlerweile waren die Nachmittagsgäste gegangen und die Abendgäste kamen – fiel auch noch ein Teller leckerstes Plov für uns ab. Sahen wir so unterernährt aus? Und das, wo wir gerade nach Bukhara die Taschen voll hatten für vier Tage Fahrrad fahren. Trotz der vollen Bäuche konnte ich Klaus nochmal überreden, mit ins Wasser zu kommen und zu zweit den Wellenspaß zu genießen. Nach Ewigkeiten kam eine Sandbank, auf der man sich auch ohne Aufschürfgefahr in die Wellen schmeißen konnte. An Schwimmen war leider nicht zu denken…

Schließlich war es um 8 und wir leisteten den Anweisungen des Besitzers Folge. Wir bauten unser Zelt zwar auf dem schönsten Stück des Geländes auf, inmitten von Bäumen, doch dummerweise direkt hinter dem großen „Ferienhaus“ (wann auch immer hier zuletzt jemand ein Zimmer bezogen hatte), das uns perfekten Windschatten bot. Damit haben wir unserem Schlaf sein Grab geschaufelt, denn ohne Luftzirkulation war es kaum auszuhalten. Du liegst nackt im Zelt und der Schweiß läuft dir über’s Gesicht – das kennt man sonst vielleicht nur von Festivalvormittagen, wenn man noch verkatert im Zelt liegt und die Sonne schon unermüdlich prasselt. Der Vodka, mit dem wir von den drei Männern, die hier alles mehr oder weniger (eher weniger) in Schuss hielten, beim Abendbrot abgefüllt wurden, trug sein Übriges zum Schweißbad bei.

Gerade als es zum Schlafen erträglich war, zwangen wir uns aufzustehen, doch schon bald ließen uns die morgendlichen Abbau-Aktivitäten so schwitzen, dass wir unbedingt nochmal in den mittlerweile ruhigeren See springen mussten. Man konnte sogar ein bisschen schwimmen! Die Erfrischung war bei den folgenden Wegen natürlich schnell dahin. Warum zur Hölle können Straßen hier nicht einfach mal fertig gebaut werden? Einige hundert Meter freut man sich über glattesten Asphalt, um danach wieder über groben Kies zu buckeln. Bis wir die große Fernverkehrsstraße nach Samarkand erreicht hatten, ging das nun so und nicht selten durfte ich mir den Vorwurf anhören „und alles nur wegen diesem dämlichen See“. Auch die Freude über das Erreichen der Hauptstraße währte nicht lange, denn Hitze und Sturm waren nach wie vor unerbittlich. Das Schlimmste war, dass wir gelesen hatten, dass es sich auf dem Weg nach Samarkand um eine dicht besiedelte Gegend handeln würde, auf der es mitunter sogar schwierig wäre, eine Zeltstelle zu finden. Das war für 30 km ab Qiziltepa ein kompletter Trugschluss. 30 km, auf denen wir viel zu wenig Wasser dabei hatten und auf denen einfach nichts kam außer vereinzelten Tankstellen. Und Tankstellen sind hierzulande reine Tankstellen und nicht kleine Shopping-Oasen wie bei uns. Wir hatten bei einem Grundstück Glück, das über einen Trinkwasseranschluss verfügte, aber da wir dem Braten nicht so ganz trauten, haben wir nur unsere Fahrradflaschen aufgefüllt. Bald war alles Wasser heiß und vermochte keine Durstlinderung zu verschaffen. An einem Melonenstand hielten wir an. Melone hilft. Kurze Zeit später der nächste Melonenstand, dieses Mal mit den rettenden kalten Wasserflaschen. Mit diesen im Gepäck, nachlassendem Wind und zurückgehenden Temperaturen konnten wir endlich wieder mehr als 5 km am Stück zurücklegen. Wir brausten auf Navoiy zu, hatten wir doch nach all den Strapazen schon längst beschlossen, uns ein Hotel zu nehmen. Wir hatten eines mitten in der Stadt ergooglet, hatten uns jedoch beim Preis verguckt. Die 30 Dollar waren pro Nase, nicht pro Zimmer. Ups, das war uns dann doch zu teuer. Der Rezeptionist wollte aber unbedingt, dass wir bleiben, zeigte uns die günstigste Zimmerkategorie und meinte, man könne sicher in Absprache mit dem Chef auf 20 Dollar pro Person heruntergehen. Hm, zwar immer noch mehr als wir geplant hatten, andererseits war das Ding schon echt chic und so gar nicht das, was wir uns sonst leisteten. Der Hotelbesitzer war sofort Fan von uns und gab uns das Zimmer für 40 Dollar, aber nicht das billigste wie erwartet, sondern ein riesig großes mit einem unfassbar großen und bequemen Bett und dem besten Wannenbad, das wir je gesehen hatten. Luxus pur und das für so wenige Stunden. Denn durch das ganze Hickhack war es nun auch schon um 9 geworden. Wir gingen trotzdem spät zu Bett, da wir das Ganze ja noch ein bisschen genießen wollten.

Beim morgendlichen Büffet hauten wir ordentlich rein und konnten so mal wieder ziemlich lange fast ohne Pausen durchradeln. Erst bei einer späten Melonenpause trafen wir dann zufällig Marc und Peter wieder. Die beiden litten unter der Hitze ähnlich wie wir, hatten aber in Turkmenistan vernünftigerweise den Zug von Mary nach Türkmenabat genommen, hatten also etwas weniger Wüstenerfahrung als wir in den Knochen. Das Schöne war nun, dass sich die Landschaft in ein ständiges Grün gewandelt hatte, das jedoch primär dem Baumwollanbau zu verdanken war, der durchaus kritisch zu sehen ist – Stichwort schrumpfender Aralsee. Die beiden Thüringer brachen eher als wir auf, doch nur ein paar Kilometer weiter sahen wir sie wieder im Schatten eines Melonenstandes rasten. Gut zu wissen, dass andere mit ähnlicher „Schallgeschwindigkeit“ wie wir vorankamen. Wir hätten an dem Tag eigentlich noch viel mehr Kilometer nach Samarkand abknapsen können, doch in Katta-Kurgan hatte ich mir wieder in den Kopf gesetzt, den 10 km entfernten See auszutesten. Die örtliche Bevölkerung staunte erneut nicht schlecht über uns und löcherte uns mit den übliche „odkuda“-Fragen. Wir nutzten die Gelegenheit und erkundigten uns andersherum, ob man an dem Stausee baden könne. Einhellig meinte man, dass „plavat“ durchaus möglich wäre, ja ja. Wir folgten der Straße Richtung See begleitet von verstörten Blicken. Ok, auch diesen Umweg scheinen nicht viele Reiseradler zu machen. Das Schlimmste waren die letzten zwei Kilometer Holperpiste, auf denen wir uns mehrfach versichern ließen, dass es hier auch wirklich Richtung Badestelle geht. Schließlich erreichten wir völlig abgekämpft den See und das Schlimmste ahnten wir noch gar nicht: die Pflanzen am Ufer waren richtig fiese Schlingpflanzen. Und auch in den Motorbootschneisen, wo es scheinbar so aussah, als wären sie weg gefräst worden, griffen sie beim Durchschwimmversuch nach all unseren Gliedmaßen – ausgerechnet dort, wo man auch nicht mehr stehen konnte. Wir scannten das Ufer ab und mussten feststellen: hier sah es überall so aus. Endlich klares, kühles, glattes Wasser, perfekt zum Schwimmen und dann kommt man nur zehn Meter weit. Was haben wir nur verbrochen, dass wir für unsere Umwege so wenig belohnt werden? Aber wir waren uns einig, dass die Erfrischung trotzdem tausend Mal besser war, als so verschwitzt irgendwo am Straßenrand das Zelt aufzuschlagen. Wir kochten Ratatouille, nicht ohne neugierige Blicke von drei Jungen und ihrer Kuh. Sie wichen bis Einbruch der Dunkelheit nicht von unserer Seite.

Gleich am nächsten Morgen, wir hatten gerade erst das Zelt abgebaut, ließen sie sich wieder mit der Kuh neben uns nieder. So befremdlich es für uns ist, unter derartiger Beobachtung zu stehen, so normal war es wohl für diese Jungs. Drei Monate Sommerferien, nichts zu tun, jeden Tag mit dem Bruder und dem einzigen Freund an diesem See und dann kommen auf einmal wir. Kinder sind ja sowieso die schamloseren Beobachter und diese Gegebenheiten ließen natürlich nichts anderes zu als dauerhaftes Beglotzen. Ansonsten waren sie aber wohl erzogen und sagten immer brav „salam“ und „xaje“. Wir sprangen nochmal ins kühle Nass und machten uns wieder auf den Weg Richtung Samarkand. Dieses Mal ließen wir uns nicht lumpen und buchten direkt das Hotel Lux für zwei Nächte über booking.com. Was uns spontan gefiel, waren die hügeligen Wege in die Stadt und die breit angelegten, nicht selten von riesigen Platanen geschmückten Alleen. Die Stadt kam viel prächtiger, weiter und imposanter daher als Bukhara. Während Bukhara mit hübschen Bauwerken auf engstem Raum und kurzen Wegen ein sehr gemütliches Gefühl aufkommen ließ, fühlten wir uns hier freier. So frei, dass wir nach Ankunft das Zimmer gleich gar nicht mehr verließen. Gut, das war am Abend eher der – wie es Peter so schön nannte – beschleunigten Verdauung geschuldet, ein Problem, dem sich jeder Reiseradler in Zentralasien einmal gegenübersieht. Man ist ja schon froh, wenn man sich nicht übergeben muss…