„Wir fahren doch jetzt mit dem Bummel-Trilex“ hörte ich mich noch sagen, Samstag früh um halb 11. „Jeder normale Mensch, der weniger verkatert ist als wir, hat doch den Trilex eine halbe Stunde zuvor genommen, der 20 Minuten schneller ist“. Oder alle haben wie wir gedacht, dass der langsamere Zug sicher weniger bevölkert ist. Oder es waren doch alle genauso verkatert wie wir und schafften es nicht um 10 zum Bahnhof. Oder aber es sah zum Start ins lange Wochenende einfach auf jeder Zugfahrt so aus. Schon am Bahnhof Mitte hatte das Fahrradabteil des einzigen Triebwagens die ausgeschriebene Grenze von sieben Rädern locker überschritten. Wir durften uns trotzdem noch dran lehnen. Am Neustädter Bahnhof zählten die Linien zur Wahrung der Fluchtwege schließlich gar nichts mehr und wir waren positiv überrascht von der Kulanz der Zugbegleiterin. Den Fahrrädern, die später auf der Strecke zusteigen wollten, musste sie dann jedoch wirklich eine Abfuhr erteilen. So viel als kleine Anekdote zum Thema Fahrräder in deutschen Zügen.

Nach Ankunft in Görlitz unternahmen wir einen kurzen Versuch, im Bahnhofskiosk eine brauchbare Straßen- bzw. Landkarte für die kommende Fahrt durch Niederschlesien zu ergattern. Fehlanzeige. Na gut, mit unseren Notizen und Google Maps würde es schon auch funktionieren. Leider waren schon die ersten Meter durch Zgorzelec eine kleine Orientierungshürde. Einmal auf der Bundesstraße 30 angekommen, rollten wir jedoch geschwind Richtung Lubań (Lauban). Ein komfortabler Randstreifen machte die Fahrt trotz belebter und vor allem rasant befahrener Straße dennoch zu einem angenehmen Abschnitt. Aufgrund meiner immer noch nicht ganz ausgestandenen Erkältung mit kratzendem Hals musste bereits nach den ersten 20 km eine Eispause her. Jedoch hielten wir uns nicht mit langen Schlenkern durch die Stadt auf, sondern schleckten romantisch ein Softeis auf dem Kaufland-Parkplatz, der praktisch am Weg lag. Von nun an folgten wir kleinen Überland- und Dorfstraßen, wobei erstere meist aus Flickenteppich und letztere aus mehr oder minder grobem Kopfsteinpflaster bestanden. Die neu asphaltierten Zwischenstücke waren eine Wohltat und leider immer viel zu kurz. Dennoch kam jetzt ein richtiges Gefühl für diesen Landstrich auf: dünn besiedelt, zahlreiche Felder, Teichwirtschaft und dazwischen sattes Grün. Den dominantesten Eindruck hinterließen jedoch die Rapsfelder. Man hatte das Gefühl, hier wurde gar nichts anderes mehr angebaut…

In Lwówek Śląski (Löwenberg) hielten wir voreilig an einem Supermarkt, da uns so langsam das Wasser ausging, legten eine weitere Eispause ein und rollten danach dummerweise gesättigt und gezuckert an einem schmucken Softeiscafé im niedlichen Stadtkern vorbei – ohne ihm einen Besuch abzustatten. In Złotoryja (Goldberg) erhofften wir uns eine ähnlich hübsche Altstadt für die Abendbrotpause, jedoch lag das Zentrum auf einem Hügel und wir rollten nur an hässlichen Industriebauten vorbei. Nun gut, jetzt waren es nur noch rund 25 km bis Legnickie Pole (Wahlstatt), wo sich der einzige Zeltplatz auf dem Weg nach Wrocław befinden sollte. Plötzlich waren wir wieder auf einer Hauptstraße gelandet mit unerwartet viel Verkehr und leider ohne Randstreifen. Also schnell eine Alternativroute gesucht und im Zickzack und mit teilweise nervtötenden Belag gen Zeltplatz. Der Magen fing an zu knurren, die Sonne näherte sich dem Horizont und die Frage, ob man doch besser nach einer guten Stelle zum Wildzelten suchen sollte, drängte sich auf. Aber so kurz vorm Ziel wollten wir nicht die Flinte ins Korn werfen. Wir kämpften uns noch den letzten Anstieg nach oben, wir hörten Kinderstimmen, wir sahen Menschen auf einer Wiese… doch es war nur der Spielplatz. Das Tor zum Campingplatz war verschlossen und beim Nachfragen in der direkt daneben liegenden Kneipe erfuhren wir, dass er erst am 1. Mai öffnen würde. Weiterhin hieß es: „hier ist nur Dorf“, als uns die Frage ins Gesicht geschrieben stand, wo wir nun nächtigen sollten. Gut, wir sind nicht mehr in Zentralasien, wo man sofort eingeladen wird, im Garten das Zelt aufzuschlagen oder besser noch auf dem Taptschan Platz zu nehmen. Also nahmen wir das Glück selbst in die Hand, rollten wieder hinunter und entdeckten ein Erfolg versprechendes Waldstück. Wir radelten einen Wald-/Feldweg hinauf und fanden auf den letzten Ausläufern eines Rapsfeldes eine prima bezeltbare Stelle. Beim Zeltaufbau dunkelte es bereits, die Temperaturen sanken rasch und wir ließen uns die Reste der Geburtstagsfeier in unserem lange vermissten, mobilen Heim schmecken.

Nach dem 115 km-Ritt vom Vortag kamen wir am Morgen kaum aus den Daunen, da wir von Bäumen umgeben ewig im Schatten lagen und somit die perfekten Bedingungen für ausgiebiges Ausschlafen herrschten. Aber Moment! Wir wollten doch gar nicht so lange herum lümmeln, schließlich hatten wir uns für eine intensive Breslau-Erkundung in die Spur begeben. Nach zehn Stunden Schlaf rollte es deutlich besser als am Vortag und statt 115 km durch sehr hügeliges Gelände lagen nur 80 km mit wenig Höhendifferenz vor uns. Bis Środa Śląska (Neumarkt in Schlesien) war es das alte Spiel aus zerfetztem Asphalt über Land und aufrüttelndem Kopfsteinpflaster durch die kleinen Örtchen. Dieses Mal ließen wir uns den prächtigen Platz in der Stadt nicht entgehen und schleckerten famoses Softeis während wir am Springbrunnen dem fröhlichen Sonntagstreiben oder besser -plantschen der Einwohner zusahen. Träge von der Wärme schwangen wir uns für die letzten 30 km auf die leider stark befahrene Hauptstraße nach Breslau. Unsere Hoffnungen, dass die meisten zur Zeitersparnis die Autobahn nehmen würden, bestätigten sich leider nicht. Doch auch hier gab es zu unserer Rettung und Beruhigung meist einen breit angelegten Randstreifen, sodass wir uns alles in allem doch sicherer fühlten als auf einer normal befahrenen Bundesstraße in Deutschland. Überhaupt hatten wir keine riskanten Überholmanöver oder anderweitige provokante Fahrpraktiken zu erdulden. Lediglich beim Abbiegen scheint der Schulterblick noch nicht bei den Polen als Regel angekommen zu sein – egal, ob man als Fahrradfahrer geradeaus fährt oder als Fußgänger geradezu die Straße überqueren will.

Die Stadteinfahrt war dank zahlreicher Fahrradwege gar nicht so dramatisch. Zwar ist die Radwegsführung manchmal gewöhnungsbedürftig, aber immerhin gibt es sie. Die letzten Kilometer fuhren wir auf einem Damm stets an der Oder entlang und wurden auf dem Schotterbett noch einmal etwas durchgeschüttelt. Dennoch konnten wir den Blick über die bevölkerten Wiesen schweifen lassen, auf denen die Menschen grillten und picknickten, was das Zeug hielt. Bald darauf erreichten wir das Olympia-Stadion, an dessen Rand sich unser Zeltplatz befinden sollte – natürlich stets mit der leisen Befürchtung, dass auch dieser Zeltplatz dem famosen Wetter, was stets Ende April herrscht, zum Trotz erst im Mai eröffnen würde. Doch hier war man cleverer und öffnete vernünftigerweise schon jetzt die Pforten. 21 Zloty kostete die Übernachtung pro Person, plus 5 für’s Zelt. Alles in allem also 12 €, womit wir Welten unter den Preisen lagen, die uns booking.com selbst für abseits gelegene Hostels anzeigte.

Der Zeltplatz war keine Wucht, aber man kehrt ja eigentlich eh nur zum Schlafen und Duschen ein. Selbst den Campingkocher nutzten wir nur für Morgenkaffee und -tee, denn direkt daneben befand sich ein sympathischer Biergarten samt Pizzeria. Alles ziemlich verhipstert und wie sich herausstellen sollte auch verpeilt. Nach einer Stunde erkundigten wir uns nach unseren Pizzen, während um uns die Gewitter herangrollten. Man hatte uns glatt weg vergessen. Ein zweites Bier wollten wir hier nicht bestellen, immerhin lagen unsere kühlen Żywiec-Flaschen im Zelt. So saßen wir dann wie die Assis vor unserem mobilen Heim, mit Pizzapappen und polnischem Bier und ließen den Abend ausklingen.

Der Morgen begann schwülwarm. Dass demnächst eine Gewitterfront hereinziehen sollte, konnte man an konstanten Schweißausbrüchen auf der Haut spüren. Wir radelten am Mittag in die Stadt, suchten einen weiteren Hipster-Ort, das „Vega“ auf, wo man u.a. klassisches polnisches Essen wie Piroggen in veganem Gewand und alle erdenklichen Mate-Fabrikate genießen kann (MioMio, Club Mate etc.). 14 Uhr trafen wir uns mit der englischsprachigen Free Walkative Tour zum Thema „Zweiter Weltkrieg und Judentum in Breslau“, die von dem sympathischen Kuba geleitet wurde. Zwei Stunden streiften wir an bedeutsamen architektonischen Bauten – alten wie neuen – und für die Juden der Stadt relevanten Orten vorbei. Wir wollen unseren Blog nicht zur Geschichtsstunde umfunktionieren, aber die von Breslau ist auf jeden Fall ein kleines Mini-Studium wert. Während dieser Führung ging es natürlich besonders um die Rolle als „Festung“ während des Krieges, denn es gab keine Stadt, die im Deutschen Reich so lange den Angriffen der Alliierten Stand gehalten hatte, wie Breslau. Die schlesische Metropole kapitulierte sogar noch zwei Tage später als Berlin. Die seit 1944 erbittert geführten Straßenkämpfe hinterließen schließlich auch das besondere Ausmaß an Zerstörung und machten die Stadt gleichzeitig zum Propagandainstrument der Nazis während der letzten Kriegsmonate.

Nach zwei Stunden mit zahlreichen Informationen hatten wir Ecken gesehen, auf die wir sonst vielleicht nicht gestoßen wären. So ist Breslau auch ein wahrer Magnet für Street Art und wir stolperten über etliche Wand-Tattoos, Neon-Leuchtschriften und nicht zuletzt über das wohl bekannteste Kunstelement der Stadt: die Zwerge. Mittlerweile hunderte von ihnen geben Hinweis auf das, was sich hinter oder neben ihnen befindet: die Trunkenbolde schenken sich vor der bekanntesten Kneipe, dem Przedwojenna, Schnaps ein, der Urlauber mit Kamera auf der Brust steht vor der Touristeninformation, der bebrillte Gelehrte vor der Uni usw. Wie wir tags darauf erfahren haben, steht sogar ein Zwerg in Dresden, Breslaus Partnerstadt, irgendwo zwischen Rathaus und Kreuzkirche. Klaus hat ihn bereits gefunden. Die Geschichte der Zwerge würde den Rahmen unseres Artikels sprengen, daher nur ein kurzer Abriss: sie erinnern an die Bewegung „Orange Alternative“, die mit spontanen Protestaktionen, teilweise als Zwerge verkleidet, die kommunistische Regierung kritisierten und durch den Kakao zogen.

Einen Spaziergang und Aperitif-Bier im Przedwojenna später kehrten wir zum Piroggen genießen in die Chatka pzry Jatkach ein. Nach einem kurzen Gewitterguss hatte es sich spürbar abgekühlt, worauf wir klamottentechnisch überhaupt nicht gefasst waren. Auf dem Zeltplatz hatte es scheinbar mehr gegossen und so empfing uns nach den frühsommerlichen Tagen eine feuchtkühle fast schon herbstliche Luft, die uns tief in die Daunenschlafsäcke kriechen ließ.

Obwohl der wolkig-frische Morgen zum Ausschlafen verleitet hätte, entpuppten wir uns schon beizeiten aus unseren Kokons und radelten pünktlich zur 10 Uhr Free Walkative Tour durch die Altstadt. Überraschenderweise fand neben der englischen Tour auch eine deutsche statt, was angesichts der geballten Informationsfülle äußerst vorteilhaft für die kognitive Verarbeitung war. Unser weiblicher Guide war zweisprachig aufgewachsen und konnte unglaublich viele Daten, Zahlen und Fakten in einer Schnelle abrufen und darbieten wie wir es nicht einmal mehr vom Geschichtsunterricht kannten. Es war die perfekte Ergänzung zur Tour zuvor und hätten wir mehr Zeit gehabt, wir hätten noch sämtliche andere Free Walking Tours mitgemacht. Ebenso haben wir es nicht geschafft, den alternativ angehauchten nördlichen Teil der Stadt (Wrocław Nadodrze) zu erkunden, der angeblich das Kreuzberg Breslaus sein soll. Wir arbeiteten stattdessen ein weiteres touristisches Must-See ab und kraxelten die über 200 Stufen der Garnisonskirche nach oben, um einen einmaligen Blick über die Stadt zu erheischen. Abschließend genossen wir in einem Pub eine weitere Piroggen-Variation sowie Naleśniki (polnische Eierkuchen) bevor wir zum Zeltabbau erneut auf den Campingplatz radelten. In Breslau und seinen Parks herrschte Festtagsstimmung, ein Mann auf Stelzen klatschte uns euphorisch ab, Klaus traf einen Kirgisen, der sich tierisch über seinen Kopfschmuck freute und auf dem Marktplatz trafen sich alle Gitarren-Begeisterten Schlesiens, um in einem Weltrekordversuch gemeinsam Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ zu spielen. Hier war was los ?

An dieser Stelle wollen wir Breslau noch kurz aus Radfahrersicht bewerten: es gibt vielerorts Fahrradwege, aber wahrscheinlich ist es wie in Dresden oder jeder größeren Stadt – man muss ein bisschen seine Wege kennen. Ansonsten kann es passieren, dass man einige Meter perfekten Radweg hat, dieser aber urplötzlich aufhört und man sich seinen Weg über verwinkelte Bürgersteige bahnen muss. Auch die Belagsvielfalt reicht von perfektem aalglatten Asphalt über Flickenteppiche hin zu Kopftsteinpflaster. Der Fahrstil der polnischen Autofahrer war allgemein sehr respektvoll, in der Stadt fehlt es jedoch an Gespür für die Vorfahrt. Sprich: das Schneiden durch abbiegende Autos ist an der Tagesordnung. Ebenso hatten wir das Gefühl, dass die anderen Pedalierer StVO-Grundregeln noch schlechter beherrschen als hierzulande, speziell was das Radeln auf der falschen Straßen- und Brückenseite betrifft. Also immer mit Geisterfahrern rechnen. Alles in allem aber eine gut zu beradelnde Stadt ?